
Präsentiert werden dann Produktionen aus den Bereichen Tanz, Performance und Physical Theatre. Dabei kommen in Mülheim an der Ruhr bekannte Künstler*innen und Newcomer*innen gleichermaßen zum Zuge. Das Besondere an der Auswahl: Nicht nur die Dramaturg*innen des Ringlokschuppens Ruhr hatten (wie sonst) das Sagen – vielmehr wählte ein abteilungsübergreifendes Team basisdemokratisch aus fast 300 Bewerbungen acht Kandidat*innen aus.
Das Programm ist ebenso ambitioniert wie das Motto "Wahrheit & Widerspruch, Wirklichkeiten & Werte". Angesichts des finanziellen Aderlasses, mit dem sich die freie Szene durch die jüngste Rotstift-Politik der öffentlichen Haushalte konfrontiert sieht, versteht sich das HundertPro Festival mehr denn je als Rückenstärkung für unabhängige, selbstorganisierte Kulturschaffende. Direkt auf die kulturpolitischen Kürzungen in NRW bezieht sich eine künstlerische Intervention der Tanzinitiative Cheers For Fears.
Gegründet als post-migrantisches Festival, stehen auch bei der sechsten Ausgabe Queerness, identitätspolitische Fragen, migrantische Biografien und Rassismus-Erfahrungen im Blickpunkt. Sebastian Brohn, Dramaturg am Ringlokschuppen, erläutert den hochgesteckten Anspruch des Festivals: "Mit der Themensetzung haben wir bewusst nach Produktionen und Künstler*innen gesucht, die unser komplexes, gesellschaftliches Zusammenleben mit all seinen Widersprüchen, persönlichen Wirklichkeiten, Werten, die uns prägen, und mit entgegengesetzten Wahrheitsansprüchen spiegeln und reflektieren."
Was bedeutet das in der Praxis? Bei Paul Damiano, einem Tänzer und Choreografen aus Kenia, wird die schwergewichtige Botschaft mit spielerischer Leichtigkeit in Szene gesetzt. Sein Solo-Stück "Haba na Haba", in dem er eine Reise in seine Kindheit unternimmt, bezieht sich auf ein Swahili-Sprichwort, demzufolge kleine Fortschritte am Ende zu großen Erfolgen führen – jedenfalls im Idealfall.
Vom Blick in den autobiografischen Rückspiegel zeugt die »Neon Serenade« von Benze C. Werner. Die Kölner Tänzerin greift in ihrer sehr persönlichen Serenade verschiedene Aspekte auf – darunter Erinnerungen an vergangene Liebesbeziehungen und Fantasien, die sich auf zukünftige Verbindungen richten. Welche Rolle Körper und Sprache für die Herausbildung unserer Identität spielen, untersucht eine Solo-Performance der Berliner Tänzerin Elvan Tekin.
Starke Impulse setzt das HundertPro Festival in puncto Performance. Im Stück "Babylon" von Jäckie Rydz finden drei Trans-Performer*innen künstlerische Chiffren für das Phänomen queere Reproduktion. Mutter, Hure und Braut bilden dabei die unheilige Dreifaltigkeit. In ihrer Performance "Like, really cunt" bringt Marje Hirvonen fünf Personen auf die Bühne – diese ist zugleich Safe Space, Partylocation und Catwalk. Derweil bindet der indische Tänzer Anand Dhanakoti in seine Performance Zirkus-Elemente ein. "Baalya" basiert auf seinen Erfahrungen als Straßenkind in Bangalore und stellt das indische Kastensystem auf den Kopf. Physical Theatre ist mit »Impatients« von Charlie Wyrsch vertreten: Die Performerin, Schauspielerin, Theatermacherin und Drag King will darin aus queer-feministischer Perspektive einen "pathologisierten und pathetischen Körper" umkreisen.