
Errichtet wurde sie aus einem Werkstoff. Vollständig. Damit ist die im Mai 1968 geweihte Wallfahrtskirche in dem heute zu Velbert gehörigen bergischen Fachwerkstädtchen auch zum Synonym für Starrsinn und Brutalität geworden: Beton. Sichtbeton. In jenen Aufbruchsjahren jedoch symbolisierte das Zement- Kies-Gemisch die Botschaft der Zeit: unbedingte Modernität, Freiheit. Auch die Freiheit des Baumeisters, beinah erlöst vom Diktat von Stütze und Last zu türmen, zu wölben und zu decken, was die Phantasie des Künstlers, der in jedem guten Architekten schlummert, hergab.
Im Falle Neviges’ wuchs der Bautraum aus den Händen des gelernten Bildhauers und Architekten Gottfried Böhm, geboren 1920 in Offenbach, Sohn des angesehenen Kirchenbaumeisters (und Baumeistersohns) Dominikus Böhm (1880–1955), der 1926 mit seiner Familie nach Köln zog, wo die Dynastie mittlerweile in der vierten Generation, mit Gottfrieds drei Söhnen Peter, Paul und Stephan, Architektur von Rang produziert.

Neviges liegt im Tal und am Hang, der Dom auf halber Höhe. Überwältigend ist der Schritt hinein. Nicht unähnlich der Wirkungsweise gotischer Kathedralen, die im Innern eine Weite offenbaren, die ihre äußere Gestalt verschweigt, besitzt auch der Nevigeser Dom zwei Körper: Der äußere ist ein geduckter, zu unregelmäßigen Wänden, Spitzen und Schrägen zerbrochener Block von mäßiger Größe. Der innere ist ein in die Höhe schießender, sich in immer neue Richtungen, zu immer neuen Aspekten öffnender Raum von gefühlt doppeltem Ausmaß. Zeigt die Außengestalt Bunker-Schwere, so vollzieht sich innen die Transfiguration desselben Betons in Zeichenhaftigkeit. Die Wände, Stützen, Schrägflächen wirken wie immateriell.
"Maria Königin" ist eine nur schwer zu begreifende, beinah unmöglich zu beschreibende Konfiguration aus Dutzenden immer neu und anders zueinander gestellten unregelmäßigen Polygonen auf dito unregelmäßig kreiselndem Grundriss. Sie besitzt keine Decke und keine Gewölbe, der Raum schließt sich auf kristalline Weise mit mehreren Firstpunkten in 34 Metern Höhe selber.

Beim Licht endet die Analogie zur Gotik, Böhms Opus maximum hüllt sich in Dämmer. Zwar öffnen zwei bauhohe Glasflächen in Altarnähe den Raum, das Glas jedoch ist grau, violett und rot (zeigt, von Böhm selbst entworfen, die von ihm geliebte Rose, das Mariensymbol) und dringt nicht in den übrigen Teil der Kirche. Und vor allem nicht in und auf die drei Ebenen hoch sich ballenden Nischen, Emporen, Kanzeln, Logen und Durchbrüche, die aus dem Beton gehauen oder aus ihm herausgewuchert scheinen und der gesamten rechten Raumseite das Aussehen einer Stadt im Gebirge geben. Man könnte hundert Bilder von diesem Raum machen und hätte doch keine zwei gleichen.
Gottfried Böhm hat im Laufe seiner Tätigkeit als Architekt andere Faltdachkonstruktionen gebaut, die wie Raum gewordene Bilder von Lyonel Feininger aussehen – St. Gertrud in Köln (1960-66), St. Ignatius in Frankfurt/Main (1961-65), das Kinderdorf in Bergisch Gladbach (1962-68). Aber keine ist so vollendet wie Neviges. In den Jahren davor hat er Kirchen mit Gewebedecken entworfen, die sich wie Stoffbahnen bauschen (Neuss), mit Dächern, die an Zelte oder Sprungschanzen erinnern (Köln-Melaten, Essen-Katernberg), mit (Schein-)Gewölben, Schalen-, Falt und Flachdächern. Was mit Beton zu machen war, hat er gemacht. Von Anfang an aber, der 1950 bei der Kölner Kapelle "Maria in den Trümmern" liegt, sind Böhms Kirchen dem Bemühen geschuldet, den massenhaft die deutschen Nachkriegsstädte verschandelnden Unbauten einen Gestaltungswillen entgegenzusetzen.
Böhms Kirchen stehen in Münster, Neuss, Velbert, Essen, Oberhausen, Düsseldorf, Bochum, Gelsenkirchen, Bocholt, Aachen und vor allem in Köln. Nach den Kirchen (in den 80er Jahren war Schluss) kamen Profanbauten wie die WDR-Arkaden (1991–98) und die Wohnanlagen Chorweiler (1969–74) in Köln. Berühmt ist sein Rathaus in Bensberg (Bergisch Gladbach) – hierfür, für die Hauptverwaltung Züblin in Stuttgart (1981–85) und für den Nevigeser Dom wurde ihm 1986 der Pritzker-Preis verliehen. Auch Bensberg ist ein gutes Beispiel für das, was, bei aller Unterschiedlichkeit der Böhm’schen Bauten, ihnen gemeinsam ist: die Liebe zur Umgebung. Kontextbezogenes Bauen, wie man unter Architekten sagt. Es ist hinreichend nachgewiesen, wie einfallsreich das Faltdach des Wallfahrtsdoms mit seinen Schrägen und Winkeln auf die Giebellandschaft der Nevigeser Altstadt reagiert. Ähnlich liefert das Bensberger Rathaus subtile Über- gänge zwischen einem sanften Betonbrutalismus und den Resten der mittelalterlichen Burganlage: die "Bürgerburg"auf dem Grundriss des Bergischen Kastells entstand 1962-67 als Böhms erster großer Profanbau, machte den Architekten erst wirklich bekannt.