
Sie trägt das schwarze Balmain-Kleid, die wilde Mähne mit den Ponyfransen, die schwarz gemalten grünen Augen, das breite Lachen im flächigen Gesicht. Die Stimme: nachttief, herb, angekratzt, robust. Die Sprache: geübt an der Neuen Sachlichkeit eines Kästner und Tucholsky, schlank und schlaksig, gewitzt, selbstironisch. Die Musik: zwischen Chanson und Jazz.
Sie wurde nicht in Berlin geboren, sondern 1925 in Ulm, aber war mit Haut und Haar und Herz Berlinerin. Reell und einschüchternd gerade heraus, Frau mit der Schürze, aber auch mondän, ohne jedoch Dame zu sein.
Knef (in den USA ‚Neff’, was noch mehr wie ein Peitschenhieb klingt) war ein Mensch in seinem Widerspruch: Angst vor dem Alleinsein, Angst vor dem Ruhm, Angst, ihn zu verlieren und ihm nicht gerecht zu werden. "Bevor ich auftrete, möchte ich immer einen Beruf haben mit Pension und um Fünf nach Hause gehen". Der Rausch hingegen, wenn es auf der Bühne gelingt, gibt sie zu Protokoll, sei "ein maskuliner Sieg".
Im Jahr ihres 100. Geburtstages erleben wir Hilde Knef bei Proben, im Aufnahmestudio und zuhause, in Gesprächen, die nie 08/15 sind, sehen sie auf Fotografien und in Filmszenen, hören ihre Texte (mit der Erzählstimme von Nina Kunzendorf), ergänzt um zeithistorische Filmbilder. Und wir begegnen in der sehr persönlichen, aber unaufdringlichen Film-Collage ihrer Tochter Christina, die in ihrer überlegten Klugheit ein Geschenk für den Film und seine Regisseurin ist. Ganz nah hält sie Abstand. Im Elternhaus habe es keinen Alltag gegeben, sondern sei es immer darauf angekommen, ob oder woran gerade gearbeitet wurde. "Sie wollte immer mehr machen." Ihre Berufe hat die Knef auch als "Fluchtwege" begriffen, um "Spannungen zu steuern, zu disziplinieren, umzupolen". Und hat sich mehrfach gewandelt: "Die Veränderlichkeit ist das Beständigste in unserem Leben."
Dazu zählen ihre Ehen: die erste kurze mit dem jüdischen Amerikaner Kurt Hirsch; die zweite mit dem Engländer David ‚Tonio’ Cameron, ihrem Lebens- und Arbeitspartner und Manager, verbunden auch in der Schonungslosigkeit des Anspruchs ("unsere Arbeit war ein Duell"); die dritte mit dem viel jüngeren, Halt gebenden Paul von Schell bis zu ihrem Tod 2002.
Knefs Leben und Karrieren suchen in ihrem Wechsel von Auf und Ab, Höhenflug und Niederlage, Verhasst- und Geliebt-Sein ihresgleichen. Noch in den Kriegstrümmern der erste neue weibliche Filmstar mit Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns"; der Ruf aus Amerika, der verhallt, als sie dort für drei Jahre geparkt ist (sie nennt es "Dummheit und Naivität"); Rückkehr für Willi Forsts Film "Die Sünderin", dessen Skandal sie zur Verfemten stempelt. Was soll sie – tief verunsichert – machen in der betulichen, verdrucksten, vergesslichen Bonner Republik? Wieder raus, noch mal die USA! Fabulöser Triumph mit "Silk Stockings", der Musical-Version von "Ninotschka", am Broadway. Cole Porter rät ihr zu singen. Die Sängerin Knef toppt die Schauspielerin Knef. Sie schafft Evergreens: "Für mich soll’s rote Rosen regnen", "Von nun an ging’s bergab", "Ich brauch’ kein Venedig". Parallel dreht sie wenig bedeutende Filme mit bedeutenden Regisseuren. In den siebziger Jahren schreibt sie ihr autobiografisches Buch über die vom Sündenfall Auschwitz geprägte eigene Generation: "Der geschenkte Gaul" wird ein internationaler Bestseller.
Über Deutschland wuchs sie hinaus – wie zwei andere Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Aber anders als diese, die ältere Marlene Dietrich und die jüngere Romy Schneider, kehrte Hildegard Knef wieder nach Deutschland zurück. Um zu spielen, zu singen, zu schreiben, zu malen, öffentlich zu denken. Ihr Talent und nicht berechnender Ehrgeiz, ihr Stil, ihre Tapferkeit, Ungeduld und Unbotmäßigkeit und ihre Disziplin standen einander in nichts nach..
Knef bleibt, in allem, was sie tut, die öffentliche Person. Als solche resümiert und teilt sie ihre Krankheiten und Dutzenden Operationen mit, die Diagnose Krebs ("Das Urteil"), Scheidung, Abhängigkeiten und Süchte, ihre Mutterschaft. Sie ist die Stehauf-Frau, die sagt »Das Leben schuldet uns nichts als das Leben, alles andere haben wir zu tun«. Damit ist sie eine Verkörperung Deutschlands –könnte und müsste es heute wieder sein.
