Sandra Hüller spielt "Hamlet"

BühneSchauspiel

Der Geist spricht nicht mit Hamlet. Er spricht aus ihm. Hamlet im Dialog mit sich selbst. Sein vielfach wiederholtes „Du bist hier“ wird zur um Bestätigung ringenden Selbstbefragung. Hamlet, die wund laufende Denkmaschine. „Mein Gehirn ist eine Narbe“, sagt er mit Heiner Müller, aus dessen knappen Stückseiten im Schauspielhaus Bochum, das gegenüber vom William-Shakespeare-Platz liegt, einiges dem Text beigefügt wird.

„Das Drama der ansteckenden, nahezu universellen Selbstentfremdung“, so Stephen Greenblatt in seiner Studie „Hamlet im Fegefeuer“, schildert die totale existentielle Krise. Keinem ist zu trauen. Keiner traut sich selbst. Alles aus dem Lot. Alles in Auflösung, augenfällig auch dadurch, dass Johan Simons zwei Wesen mit offener Identität ins Spiel bringt: „Abgesandte, Totengräber, Clowns“; Kampfgirl (Jing Xiang) die eine, wunderseltsame Kindfrau (Ann Göbel) und Pop-Prinzessin, wie Jane Birkin sie einst war, die andere, die kaum mehr als „Er ist allein“ sagt und Phantom- und Spiegelbild jeder weiteren Person sein könnte. Nicht zuletzt das von Ophelia.

Die ‚reale’ Ophelia (Gina Haller, eingewandert aus Shakespeares Geisterreich – eigensinnig, aufsässig, feministisch, ghettogestählt und ihrem Partner absolut gewachsen) wiederum hält rührende Zwiesprache mit Hamlet und assistiert ihm bei seiner Vaterbeschwörung. Da würgen dann zwei Besessene in einem Exorzismus mit schartiger Stimme und kobolzendem Gestus die Bluttat am König durch dessen Bruder Claudius aus. „Hamlet“ – ein Studiengang in Physiologie.

Bühne
Im Porträt: Johan Simons

Aber, Halt! Zurück zum Anfang. Zunächst reiht sich auf der Bühne frontal das wunderbare Ensemble, tritt einer nach dem anderen ab und nimmt in der ersten Reihe Platz: Einer / Eine bleibt übrig und spricht vom Vater.

Über das kreideweiße Feld, den Kampfplatz, hat Johannes Schütz eine Balkenkonstruktion gehängt, an der ein matt leuchtender Ballon und auf der Gegenseite ein großes kupfernes Rechteck in Bewegung sind. Beide Gewichte halten sich wie bei einem Mobile in der Schwebe. Variable in einem Spiel mit unbekannten Größen, das sind Shakespeares Figuren: Hamlet – ein Balanceakt. Hamlet – ein Sturz ins Leere. Aus dem Hintergrund sirrt oder röhrt, stanzt und klirrt es aufrührerisch.

Als Partitur auch behandelt Sandra Hüller – ganz bei sich und zugleich im reflektierten Selbstverhältnis die Quintessenz der Figur darstellend – den sich durch sie hindurch verjüngenden Text, den sie im Reden zu verfertigen scheint. Sie singt und sagt ihn direkt und gelöst, staunend, sanft und sinnend, verträumt flüsternd, ruppig baritonal grollend, im Schaulauf für Dritte, burschikos und kess. Sie ist Hamlet, der Antifleischliche und Reine, der Verwesung, Begierde, Lust und Völlerei widerwärtig findet. Ist der Wittenberger Student und Protestant, der den Triumph des Geistes über die Materie verkörpert und das Symbolische über das Reale stellt. Man meint, Hüller bedürfe keinerlei Kraft, es sei kein Aufwand dabei, sie spräche unter freiem Himmel.

„Remember me“, fordert der gemordete Vater vom Sohn. Es ist die Bitte einer ruhelosen Seele, gerichtet an den Lebenden, ihrer zu gedenken. Mahnung, Drohung und mehr Appell, ihn im Gedächtnis zu behalten, als ihn zu rächen. Hamlet ist Chiffre: Hüller, in grauer Hose und schwarzem Pulli, lässt nicht einen Moment an geschlechtliche Festlegung und Zuordnung denken. Unerheblich, sich damit zu beschäftigen – ebenso wie mit dem Abhandeln des Finales – dem Gift, den Degen, dem großen Sterben. Das erledigt eine Erzählerin (Ann Göbel) in nüchterner Mitteilung. Fünf Tote liegen am Rande. Das ist, was zählt. Was soll uns der Plot! Es gibt wichtigere Fragen und packender zu gestaltende Situationen.

Bühne
Theaterhaus mit Geschichte: das Bochumer Schauspielhaus

Grandios, wie Johan Simons diese sich organisch entwickeln lässt: wenn Hamlet sich an die Mutterbrust (der divahaft sonoren Mercy Dorcas Otiero) schmiegt und sich greinend, schmusend, albernd in die Aggression steigert; wenn Hamlet und Laertes (der furios präsente Dominik Dos-Reis) sich wechselseitig mit der Parole „Fang an“ zum Kampf hochputschen; wenn „Die Mausefalle“ sich als jäh trillernde Pantomime entbändigt und Claudius (Stefan Hunstein) sich gleich einem todeswilligen Tier in seinen Pelzmantel verkriecht; wenn in der Totengräberszene einige der zahllosen Stahlkugeln, die außerhalb des Karrées liegen, wie zum Zen-buddhistischen Billard ins Spiel rollen.

Unbefangen, informell, ja, kinderleicht, als verlöre Schwermetall durch chemisches Zutun oder durch Alchemie sein stoffliches Gewicht, erzählt Simons das Drama ohne Druck und Drang. Die bekannten Sentenzen und irre klugen Paradoxien hören wir wie zum ersten Mal. „Hamlet“ – eine Offenbarung. Jedes Zeremoniell ist aufgehoben. Es bleibt das Ritual in der Rahmung einer artifiziellen Installation. Die Inszenierung wagt es, zu tanzen mit Irritation und Widersinn, Verrat und Verlust, Spaß und Spott, Narretei und Drolerie, Tod und Verzweiflung. So gewinnt sie Schönheit, Anmut und Befremden, graziöse Wucht, uneindeutige Zeichenhaftigkeit, Tiefe und Klarheit.

Fortinbras (Mourade Zeguendi), der anfangs türenschlagend den Bühnenraum verließ, kehrt nach Hamlets Schweigen zurück auf das Schlachtfeld und beklagt (auf Französisch) die Welt, wie sie sich ihm darbietet. So schließt sich ein Kreis und die zwingend konsequente, beglückende erste Saison von Johan Simons’ Bochumer Intendanz: von Feuchtwangers „Jüdin von Toledo“ zu „Hamlet“ – in einem Friedhofsbild.

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