In einem Gesamtkunstwerk vereint Kentridge Elemente aus Theater, surrealer Kammeroper und Bildender Kunst. Mit Zeichnungen, Collagen, Film und Masken sowie Musik, Tanz und Schauspiel entsteht eine vielschichtige Erzählung, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion auflöst. Das Stück thematisiert Flucht, wobei die Fragen der Vergangenheit mit den Krisen der Gegenwart verschmelzen.
In der Inszenierung begleitet das Publikum eine schicksalhafte Seereise im Jahr 1941. Ein Schiff sticht von Marseille aus in Richtung Martinique in See – inspiriert von einer realen Flucht vor dem Vichy-Regime, das mit dem Nationalsozialismus kollaborierte. Kentridge greift auf die Geschichte der „Capitaine Paul Lemerle“ zurück, ein umgebauter Frachter, der im März 1941 mit rund 350 Flüchtlingen Frankreich verließ und im April Martinique erreichte. An Bord des realen Schiffes befanden sich bedeutende Persönlichkeiten wie die Schriftstellerin Anna Seghers, der Surrealist André Breton und der Anthropologe Claude Lévi-Strauss. Kentridge erweitert diese historische Reise um imaginäre Passagiere, die Persönlichkeiten wie Frantz Fanon, Joséphine Bonaparte, Joséphine Baker, Trotsky und sogar Stalin umfassen.
Dieses „Narrenschiff“ wird zum Symbol für Fluchtbewegungen und erzwungene Expeditionen vergangener und gegenwärtiger Zeiten. Eine Allegorie auf künstlerische und gesellschaftliche Utopien – ein Schiff, das Europa auf der Suche nach Freiheit verlässt. Kentridge kreiert ein visionäres Werk, in dem er die Grenzen von bildender und darstellender Kunst überwindet, die Kolonialgeschichte reflektiert und für Menschenrechte einsteht.