Das Festival tanz nrw ist ein Schaufenster, wo sich ein Best-of der aktuellen Tanzproduktionen präsentiert. Vor 20 Jahren haben sich Städte und Theater der Region zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, um diese städteübergreifende Plattform für den zeitgenössischen Tanz als Biennale auszurichten. Allerdings fürchten die Macher schon um die Existenz dieser einmaligen Kooperation. Denn die Sparmaßnahmen in der Kultur treffen vor allem die freie Szene.
So konnten große und teure Produktionen für die Jubiläumsausgabe nicht engagiert werden. Doch die 16 ausgewählten Stücke, darunter zwei Uraufführungen, spiegeln die – noch immer vorhandene – Vielfalt der Tanzkunst Nordrhein-Westfalens. Größen wie Hartmannmueller, bodytalk, Ben J. Riepe oder Stephanie Thiersch oder hartmannmueller fehlen. Vertraute Gesichter wie CocoonDance, Emanuele Soavi oder Reut Shemesh sind dabei, genauso wie die Newcomer*innen Thaddäus Maria Jungmann & Daniela Riebesam, das Bonner Ensemble Sanfte Arbeit oder die NRW-Förderpreisträgerin Brig Huezo. Bühne frei also für die Theater in Bonn, Düsseldorf, Essen, Köln, Krefeld, Mülheim, Münster, Viersen und Wuppertal!

Die gesellschaftspolitischen Veränderungen unserer Zeit prägen das Programm. Auch die Kunst hinterfragt Gewissheiten und bricht Strukturen auf wie patriarchalische Hierarchien beschäftigt sich mit der Erderwärmung und neuen Gemeinschaftsformen. Queerness thematisieren gleich mehrere Ensembles. So tanzt in „Jungmann und Jungklaus“ Performer*in Thaddäus Maria Jungmann bei der Festivaleröffnung auf dem Vorplatz des Tanzhauses NRW in Düsseldorf einen halbstündigen Pas de deux mit einem Gabelstapler. Die Choreografie verhandelt diskriminierende Arbeitserfahrungen einer queeren Person in einem Logistikzentrum. Und die Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Jungmann fragt, „wie wir technische Objekte 'entmännlichen' können, um kapitalistische und patriarchalische Systeme zu 'verqueeren' und neu zu denken.“
Die Besucher*innen des „Lotus Fight Club“ bei Pact Zollverein in Essen müssen sich auf Hardcore einstellen. Die Uraufführung von Raymond Liew Jin Pin mit dem Folkwang Tanzstudio führt in einen Club, wo das Sodomie-Gesetz aus der Kolonialzeit in Malaysia die Performer*innen einholt. Die Bänder des traditionellen chinesischen Tanzes verwandeln sich in Peitschen, deren Rhythmus das Ensemble ausgeliefert ist. Zwischen Fantasien von Vergnügen und Bestrafungen trotzt es der kolonialen Gewalt.
Die Hamburger Choreografin Antje Velsinger beschäftigt sich in ihrer neuen Produktion „Their Future“ im Pumpenhaus Münster mit der Perspektive der nachfolgenden Generationen. Die Tanzkünstlerin, bekannt für ihre zeitkritischen Themen und gründlichen Recherchen, untersucht Zukunftsmodelle auf Basis von Interviews mit Eltern und Menschen, die sich wegen der Klimakrise gegen Kinder entschieden haben. Das Ensemble durchlebt wechselnde klimatische Zustände und teilt sich Ressourcen und Verantwortung auf.
Die neue Arbeit der immer wieder überraschenden CocoonDance Company kommt im Tanzhaus NRW harmoniehungrig daher. „Choreia – ein Polyballett“ sucht in Kooperation mit einem lokalen Chor nach einem Raum der Gemeinschaft. Die Trennung zwischen Künstler*innen und Publikum löst sich auf. Über die Kraft der Stimme sollen neue Formen von Verkörperungen imaginiert und hergestellt werden.

Vielversprechend: Emanuele Soavis enigmatische Performance „The Day I became a Cloud“, uraufgeführt 2023 im Pariser Musée d'Art Moderne. Sie verstreut choreografische Splitter, die in einen Dialog mit der Architektur treten. An- und Abwesenheit werden hier spürbar. Die Arbeit ist in Form eines Parcours inszeniert und passt sich den örtlichen Gegebenheiten an, in diesem Fall dem ehemaligen Schauspielhaus in Wuppertal und dem Domforum Köln. Das Publikum folgt den Tänzer*innen und verschmilzt so mit der performativen Installation. Ein mittlerweile weitverbreitetes Konzept – und meist ein beeindruckendes Erlebnis.
Das Festival berücksichtigt vielfältige Bedürfnisse und bietet beispielsweise Tastführungen für blindes und sehbeeinträchtigtes Publikum an. Außerdem Live-Audiodeskription und Übersetzungen in Deutscher Gebärdensprache. Weitere Informationen zur Zugänglichkeit aller Spielstätten finden sich auf der Website des Festivals.