Neuer Lesestoff: Drei Familiengeschichten für den Herbstanfang

Literatur
Schicksalhafte Begegnungen auf dem Eis und verschwundene Flugzeuge - unsere Buchtipps für den Herbst beschäftigen sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema Familie.

Buchtipp 1: Helgard Haug – „All right. Good night“

In „All right. Good night“ erinnert die Autorin und Regisseurin Helgard Haug an das Flugzeug MH370, das im März 2014 plötzlich vom Radar verschwand und bis heute verschollen ist. Sie verbindet die Ereignisse rund um das vermisste Flugzeug mit der Demenzerkrankung ihres Vaters – und erzählt so eine berührende Geschichte über Trauer und Abschied.

„All right. Good night“ soll der letzte Funkspruch des Piloten der MH370 gewesen sein. Von einem Tag auf den anderen müssen die Hinterbliebenen der Passagier*innen mit dem Verlust von Familie, Freund*innen und Kolleg*innen umgehen. Einige von ihnen, so schildert es Haug, sind bis heute davon überzeugt, dass ihre Angehörigen noch leben. Sie sind abwesend und anwesend zugleich.

Ähnlich beschreibt Haug die Erkrankung ihres Vaters. Sein Weg führt von der niederschmetternden Diagnose über verschiedene Stationen im Pflegeheim bis zu seinem Tod. Sensibel erzählt die Autorin, wie die Krankheit den Vater verändert und sein Gedächtnis immer unzuverlässiger wird. In eindrücklichen Szenen führt sie vor Augen, wie schwierig es sein kann, dem Krankheitschaos mit Würde und Liebe zu begegnen. Da sind die Namensschilder, die dem Vater an Brille und Kleidung geklebt werden, damit er sie wiederfindet. Da ist der ihm mitgebrachte Blumenstrauß, den er fünf Minuten später einfach weiter verschenkt. Da sind die Konferenzen und Seminare, die der einst wortgewandte Vater im Pflegeheim organisieren möchte. Und schließlich sein immer lauter werdendes Schweigen.

„All right. Good Night“ beruht auf dem gleichnamigen Theaterstück von Helgard Haug, das im Dezember 2021 Premiere hatte. Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen und hat 160 Seiten.

Buchtipp 2: Jaap Robben – „Kontur eines Lebens“

Denkt man an die 1960er-Jahre hat man schnell für die Zeit typische Bilder von Beatles-Konzerten, Studentenunruhen und Vietnamkrieg im Kopf. Der niederländische Autor Jaap Robben hingegen richtet den Blick auf einen ganz anderen Aspekt. Sein neuer Roman „Kontur eines Lebens“ ist eine eher kleine Geschichte aus dieser Zeit – und erzählt doch mit enormer Wucht vom großen Ganzen.  

Sie handelt von der jungen Floristin Frieda, die in einer strengen, katholischen Familie aufwächst. Vater und Mutter haben bereits „drei gute Töchter“ erfolgreich großgezogen und warten eigentlich nur noch darauf, dass auch Frieda brav heiratet. Doch als die eines Tages auf dem zugefrorenen Fluss Waal spazieren geht, lernt sie Otto kennen, und ihr Leben nimmt eine völlig unerwartete Wendung.

Viele Jahre später blickt Frieda auf dieses Ereignis zurück. Sie erinnert sich an ihre erste große Liebe und das Trauma, das sie seit dieser schicksalhaften Begegnung mit sich herumträgt.

In einer klaren, einnehmenden Sprache schildert Jaap Robben in „Kontur eines Lebens“ die bewegende Geschichte einer Frau, die zwischen die Mühlen einer konservativen Gesellschaft gerät. Und sich wieder hinausgräbt.

Der Roman ist bei Dumont erschienen und hat 320 Seiten.

Buchtipp 3: Negati Öziri – „Vatermal“

Obwohl der Roman das Wort „Vater“ in seinem Titel trägt, kommt genau diese Person in Negati Öziris Debüt am wenigsten zu Wort. Denn Metin, so der Name des Vaters, hat Frau und Kinder verlassen – und seine Familie damit für immer gezeichnet. Aus der Sicht des Sohnes Arda erzählt Öziri, welche Spuren er hinterlassen hat.

Als Arda schwer erkrankt ins Krankenhaus kommt, wendet er sich an Metin und berichtet ihm, was er alles verpasst hat: „Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war.“ In einer schnellen, kraftvollen Sprache schildert er das Aufwachsen in einer Familie, die aus der Balance geraten ist. Er beschreibt eine Jugend zwischen Einbürgerungstest und Bahnhofsvorplatz. Gemeinsam mit seinen Freunden erlebt Arda Polizeikontrollen, erste Liebe und Drogenrausch. Bojan, Danny und Savaş sind sein stabiler Anker, bis auch sie nach und nach verschwinden.

In dichten, intensiven Szenen zeichnet Arda auch den Weg seiner Schwester Aylin und seiner Mutter Özlem nach. Beide gehen haltlos durchs Leben und finden erst an Ardas Krankenhausbett wieder einen gemeinsamen Platz.

Negati Öziri wuchs im Ruhrgebiet auf und lebt in Berlin. Sein Roman „Vatermal“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und ist für den aspekte-Literaturpreis nominiert. Er ist bei Claassen erschienen und hat 304 Seiten.

 

Mehr Kultur aus NRW mit unserem Newsletter

Kulturkenner patternKulturkenner pattern