Porträt: Ivo van Hove

Bühne
Er ist bei weitem kein Unbekannter in der Festivallandschaft von NRW. Ähnlich wie zuvor Jürgen Flimm, Willy Decker und Johan Simons hat Ivo van Hove seine Visitenkarte als Regisseur mehrfach im Revier abgegeben. Nun übernimmt der Belgier die Intendanz der Ruhrtriennale und komprimiert die Festival-Spielzeit auf vier Wochen: vom 16. August bis 15. September.

Zur Kontinuität des seit zwei Jahrzehnten bestehenden Landes-Festivals in den ehemaligen Industrie-Hallen der Zechen und Kraftzentralen in Bochum, Duisburg, Essen und Gladbeck gehört der Austausch mit den holländisch-belgisch-flämischen Nachbarn. Beginnend mit dem Spiritus rector und Vordenker des Festivals, dem Opern-Neuerer Gerard Mortier aus Gent und Brüssel, der Johan Simos gleich in seiner ersten Saison mitbrachte und sozusagen zu seinem späteren Nachfolger aufbaute.

Damals schon, sagte Ivo van Hove bei seiner Vorstellung als vom Aufsichtsrat der Kultur Ruhr bestimmter designierter Intendant 2024 bis 2026 für das mit jährlich 16 Millionen Euro ausgestattete Ereignis, habe er Aufführungen besucht, habe das Festival „lieben“ gelernt und später fünf Produktionen beigesteuert. In mehreren Jahrgängen war Ivo van Hove mit seiner Toneelgroep, dem Internationalen Theater Amsterdam, präsent. Auch ‚nebenan‘ zu den Ruhrfestspielen wurde er eingeladen, mit der intensiv verdichteten Inszenierung von Hanya Yanagiharas -Roman „Ein wenig Leben“.

Bühne
Der Vordenker der Ruhrtriennale: Gerard Mortier

Ivo van Hove (Jahrgang 1958), der seit langem mit seinem Bühnenbildner-Partner Jan Versweyveld zusammenlebt, ist der polyglotteste (Jürgen Flimm möge verzeihen) der bisherigen Intendanten, der von Amsterdam bis Berlin, London, Paris, Wien und New York engagiert wird und zudem bereits das Holland Festival (1998 bis 2004) geleitet hat. Wie Johan Simons ist er mit dem „artistischen Projekt“ vertraut, nicht theaterhaft etablierte Orte zu bespielen.

Lachend erzählt er, wo seine frühesten Inszenierungen stattgefunden hätten, als in Belgien das Theater "schrecklich" gewesen sei: die erste in einer Wäscherei, die zweite im noch nicht architektonisch urban gestylten Hafen von Antwerpen, während draußen die Prostituierten vorbeistrichen, die nächste – eine Szene aus Botho Strauß’ "Groß und klein" – in privaten Wohnungen.

Hallen, Industrieareale, widerständige Orte sind für mich keine Fremdkörper. Sie sind für mich ein Vorteil, kein Nachteil. Es geht darum, die Hallen zu umarmen, so dass sie zum Freund werden. 
Ivo van Hove

Er schaut auf ein enormes Werk aus vier Jahrzehnten zurück, vielgestaltig, immer wieder auf Shakespeare zurückkommend, aber auch Tennessee Williams und Eugene O’Neill, Susan Sontag, Marguerite Duras, Molière und die antiken Dramatiker finden sich, und häufig filmische Stoffe von Antonioni, Bergman, Cassavetes, Pasolini, Visconti (überraschenderweise fehlt Fassbinder) sowie die Bearbeitung von „Brokeback Mountain“ fürs Musiktheater, denn auch der Oper widmet er sich seit mehr als 20 Jahren.

Sein Ziel, sagt van Hove, sei es, die Ruhrtriennale „international orientiert auszurichten als bestes Theater für so viele verschiedene und diverse Menschen wie möglich“. Die bevorzugt „extremen“ Aufführungen sollen wiederum alle Genres umspannen und spartenübergreifend die von Mortier initiierten „Kreationen“ fortsetzen, ergänzt um zeitgenössische Rock- und Popmusik, die das Musiktheater erweitern kann. Er selbst wird jeweils pro Saison eine Inszenierung übernehmen. Gern möchte er noch auf etwas hinweisen: In dem Wort Festival stecke als Anteil auch FEST. 

Inhaltlich möchte er „Vorschläge machen für die Welt von heute und morgen“. Der Bürger trage zum einen als Mitglied der Gesellschaft Verantwortung und folge zugleich dem Impuls, sich selbst zu bestimmen und seinen eigenen Wünschen zu leben, was in seinem massiven Ausdruck kaum mehr rückgängig zu machen sei. Bewegungen wie Black Lives Matter und MeToo würden und sollten immer mehr auch in die Kunst hineinwirken. Und so stellt er ein Motto über das Programm: "Longing für tomorrow" – "Sehnsucht nach morgen". Dieses zeitlich nach vorn gerichtete Motto und sein utopischer Impetus fragt angesichts einer Welt in Aufruhr und der Menschheitskrisen – erbitterte Diskurse der  Identitätspolitik, Gewalt, die ganze Gesellschaften bannt, "der Krieg der Natur gegen uns und unser Krieg gegen die Natur", so van Hove – nach möglichen neuen Paradiesen.

Van Hove mit seinen klug durchdachten Konzepten ist ein intellektueller Ausforscher und Vergegenwärtiger, offen für den experimentellen Charakter der darstellenden Kunst, und er kann breitenwirksam den Unterhaltungsanspruch erfüllen, wenn er etwa am Broadway arbeitet. Der „Tony“-Gewinner hat keine Scheu vor dem Genre Musical, hat den Knüller „Rent“ und David Bowies „Lazarus“ herausgebracht, hat Tony Kushners hollywoodeske Aids-Politrevue „Angels in America“ inszeniert. Für ihn bestehe die Scheidung zwischen kommerziell und subventioniert nicht, nur eine solche zwischen gut und schlecht. Im Januar 2024 hatte er in Amsterdam Premiere mit dem Musical "Jesus Christ Superstar". Und wieder wischt er den Gegensatz von E und U vom Tisch. Es muss „ernsthaft, aber nicht schwer“ sein.

Geschichte
Unser Blick in die Geschichte der Ruhrtriennale - und auf ihre Anfänge

Existentielle Krisenmomente abzubilden und zu belichten, ist ein Grundthema van Hoves. Visuell Laborsituationen und dramaturgisch ambulant offene Situationen herzustellen, sind ein Modell seiner Arbeiten, die starke symbolische Setzungen kennen. Die Figuren kommentieren häufig ihre Rollen, stehen neben sich und schauen aus Abstand reflektiert auf ihr Spiel und Wesen. Dramatische Wirkung schafft bei ihm die musikalische Struktur. In Viscontis „Rocco und seine Brüder“ etwa (ebenfalls bei der Ruhrtriennale vorgestellt) sind es Songs der Sixties, ein spätes Beethoven-Streichquartett und das Opus 5 von Anton Webern; außerdem erzeugen vier Kammermusiker an Mischpulten Elektroniksound, der sich ins apokalyptische Rauschen steigert.

Ein großer Wurf gelang van Hove mit seiner exquisiten Trilogie von Romanen des Niederländers Louis Couperus, beginnend mit „Die stille Kraft“ und sich fortsetzend mit „Die Dinge, die vorübergehen“ und „Kleine Seelen“ für die Ruhrtriennale. Die Aufführungen wurden auch zur literarischen Entdeckung für das deutsche Publikum aus dem Zwischenraum von symbolischer Dichtung und realistischer Erzählung. Der Verfall von Familien und Lebensentwürfen, die Lebenslüge, das Scheitern finden darin Ausdruck.

Die Kolonial-Erzählung von der „Stillen Kraft“ hatte Van Hove im Salzlager der Kokerei Zollverein ganz in Dunst gehüllt. Über einem Bretter-Geviert versprühten Düsen Wasser, das in Güssen herabstürzte oder fein nieselte. Das schwül-feuchte Klima absorbierte die Energien. Es gab keine Ruhe, keine Intimität, alles lag zu Tage. Mit exakt präparierten Dialogen wurde die Essenz des Romans in seiner analytischen, erotischen und emotionalen Kraft gewahrt und ihm hohe Wirksamkeit zugetraut und gegeben. – Von einer ‚kraftvollen’ Intendanz werden wir ausgehen dürfen. Und einer nachhaltigen.

Denn noch etwas wird sich ändern, zu benennen mit dem Schlagwort Nachhaltigkeit. Das meint konkret, dass alle Produktionen, Oper und Schauspiel und alles dazwischen, zwar beim Festival zur Premiere kommen werden, aber danach in die Häuser der Kooperationspartner, inländischen und ausländischen, wechseln.

Text
Andreas Wilink

Informationen zu Ivo van Hove auf der Website der Ruhrtriennale

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