Anders als im Stück von der Autorin Yasmina Reza vorgegeben, gibt es auf der Bühne des Schauspiels Dortmund keine Tulpen, keine Mobiltelefone, weder Kuchen noch Kunstbände. Selbst der Salon wurde in einen quasi öffentlichen, geschlossenen weißen Raum verwandelt, aus dem es für die beiden Paare kein Entkommen gibt.
Die Vorderbühne wurde zur hellen griechischen Agora, auch im Saal bleibt das Licht an. Schauspieler und Publikum sind da, wo einst alles angefangen hat: auf dem Marktplatz, der Kultstätte. Nur hat die eher etwas von einem TV-Studio, in der eine Talkshow-Schlammschlacht aufgezeichnet wird.
„Pas du réalisme“ steht schwarz auf dem weißen T-Shirt, das einer der Vier trägt. So verlangen es Rezas Regieanweisungen, die Marcus Lobbes hierin wörtlich nimmt. Natürlich trifft sich das Ehepaar Véronique und Michel Houillé mit Annette und Alain Reille, den Eltern des 11-jährigen Ferdinands, der ihrem Sohn Bruno bei einem Streit zwei Zähne ausgeschlagen hat. Man will sich gütlich einigen und beweisen, wie zivilisiert man ist.
Aber die Antike und ihre idealen Vorbilder sind verkommen. Christoph Ernst hat Säulen aus schäbigen Restbeständen gebaut. Auf Sockeln stehen statt Götter- und Heroenstatuen nur Plüschtiere. Das Satyrspiel kennt weder Pietät noch Mitleid und Gnade.
Eva Verena Müller mag als moralentrüstete Mutter in die Pose des Volkstribuns verfallen. Auf diesem Markplatz der Eitelkeiten und Kleinlichkeiten besitzt auch sie keinerlei Autorität. In einer Welt, in der die Grenze zwischen Öffentlich und Privat fallen, spielt jeder eine Rolle. Alle machen sich zum Narren, ob sie wie Axel Holst zwischen Servilität und Männlichkeit schwanken oder wie Friederike Tiefenbacher sich hinter der brüchigen Fassade aus Abgeklärtheit und Zynismus verbergen.
Die Agora unserer Tage ebnet alles ein. Selbst die Telefonate, die Ekkehard Freye als abgebrühter Wirtschaftsanwalt Alain unentwegt führt, gehen in die Diskussion der Eltern über den Gewaltakt der Kinder über. Insofern ist es nur konsequent, dass die Schauspieler zugleich wie Politiker und als Privatperson auftreten. Letztlich lässt sich das ohnehin nicht trennen, und beide stehen im Zeichen des Gottes des Gemetzels, der nur ein riesiges Plüschtier ist.
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