Xin Peng Wang

Xin Peng Wang zählt zu den wenigen Choreografen, die dem klassischen Handlungsballett eine Perspektive weisen. Nicht, dass er „Schwanensee“, „Dornröschen“ oder „Der Nussknacker“ vom Blatt in Szene setzen würde. Der Direktor des Dortmunder Balletts hat durchaus seine eigenen Vorstellungen. Ihn interessieren die „Menschheitsthemen“. So versah er seine Version von „Romeo und Julia“ (2007) mit dem Untertitel „Die Geburt der Sehnsucht“ und konzentrierte sich auf diesen Aspekt. „h.a.m.l.e.t.“ (2010) bedachte er mit dem Zusatz „Die Geburt des Zorns“. Wangs Konzepte, die er mit seinem Dramaturgen Christian Baier entwirft, klingen mitunter so abwegig, dass man erstaunt ist, dass sie auf der Bühne funktionieren. Seine Shakespeare-Adaption um den Dänenprinzen verband er mit dem Amoklauf von Winnenden und schuf so eine große Tragödie der Einsamkeit. „Krieg und Frieden“ (2008) brachte er nach Motiven Leo Tolstois als gesellschaftliches Thema auf die Bühne: Liebe in Kriegszeiten. Er reduzierte das Epos von 250 Figuren auf vier Protagonisten. Diese agieren stellvertretend für Täter, Opfer und Mitläufer. Sein Fazit: Im Krieg kann niemand gewinnen.

Wang versteht sich auf die Kunst der Narration. Er konzentriert sich auf einzelne Aspekte und nutzt die Erzählkraft von Bewegung und Gestik, um eine Geschichte ohne Umschweife sensibel zu verdichten. Stilistisch arbeitet er mit stark reduziertem, klassischem Ballettvokabular, das er mit modernem Tanz kombiniert.

Der chinesische Choreograf erlebt seinen Grenzgang zwischen der Heimat und Europa als Inspirationsquelle. Er ist ein Mann mit Mut zum Wagnis, sprich: zu Tanz mit Eventcharakter. So bespielte er in „Element X“ (2010) mit dem Ballett Dortmund das schicke Harenberg City Center, das mit seinen 18 Etagen in den Dortmunder Himmel aufragt. In 70 Metern Höhe baumelten Fassadenkletterer vor den Fenstern – ein kleiner Schockmoment für die Zuschauer. Vor allem aber faszinierte das extravagante Tanz-Projekt – im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 zu Musik des Komponisten Hans Werner Henze – mit seinem ungewöhnlichen Blick auf den Tanz, der die Glas-Stahl-Architektur des Gebäudes erfahrbar werden ließ.

Xin Peng Wang wurde 1956 in Dalian, Volksrepublik China, geboren. Dort lernte er zu Beginn der 70er Jahre Ballett. Anschließend studierte er an der Peking Dance Academy Choreografie. Ein Zusatzstudium für modernen Tanz führte ihn nach Europa, an die Essener Folkwang Hochschule; die heutige Folkwang Universität. Xin Peng Wang ist seit 1996 als freischaffender Choreograf weltweit unterwegs. Engagements führten ihn nach Hongkong, Peking, New York, an die Semperoper in Dresden, nach Antwerpen, Litauen oder zum Niederländischen Nationalballett nach Amsterdam. Als Tänzer war er unter anderem langjähriger Solist der Peking Central Dance Company und am Aalto Ballett Theater Essen, für das er auch zahlreiche Choreografien schuf. Von 2001-2003 war Wang dann Ballettdirektor am Südthüringischen Staatstheater Meiningen.

Seine größten Erfolge aber feiert der Chinese, seit er 2003 die Leitung des Balletts am Theater Dortmund übernommen hat. Im Ruhrgebiet löste er mit seiner klugen Repertoirepolitik eine regelrechte Balletteuphorie aus. Dafür belohnte ihn die Stadt 2008 mit der Unabhängigkeit seiner Sparte. Das Ensemble firmiert seitdem als Ballett Dortmund. Wangs Vertrag wurde gleich für acht Jahre bis 2016 verlängert. Außerdem stellte der RWE-Konzern dem Ballett das „Sonnenenergieforum“, 1991 für die Bundesgartenschau errichtet, zur Verfügung. Das Unternehmen hat die Glaspyramide im Westfalenpark nicht nur saniert und zum Trainingszentrum für die Company umgestaltet, es übernimmt auch für die ersten sieben Jahre die Betriebskosten. Luxuriöse Arbeitsbedingungen, von denen andere Ballettchefs nur träumen können.

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