Wolfgang Tillmans, 1968 in Remscheid geboren, ist kein Fotograf im herkömmlichen Sinn. Er gehört keiner bestimmten Schule an, will die Fülle des Lebens hautnah erfahren und in Bildern vergegenwärtigen. Nie geht es ihm um das Konservieren oder Einfrieren von Erlebnissen, Wahrnehmungen und Ereignissen. Seine Fotografie ist ein Amoklauf gegen den Tod, eine Revolte gegen die Flüchtigkeit des Augenblicks und ein Sprung ins Leben.
„Ich mache Bilder, um die Welt zu erkennen“, sagte Tillmanseinmal, der von 1990 bis 1992 am Bournemouth & Poole College of Art and Design in Südengland studiert hat. Dabei hinterfragt er gleichzeitig die klassischen Formen der Präsentation. Statt Bilder einzurahmen, um sie dadurch aufzuwerten, hängt er sie mithilfe von Klammern oder transparentem Klebefilm auf, so dass seine Installationen etwas Beiläufiges erhalten. Das mag damit zu tun haben, dass Tillmans am Anfang seiner steilen Karriere als Fotograf für Magazine wie „Spex“, „Tempo“ und „Prinz“ unterwegs war.
Dem Kunstkontext begegnet er mit Distanz. Seine Arbeiten, die er in Ausstellungen immer wieder neu kombiniert, handeln von der Zerbrechlichkeit der Nacktheit, von Liebe, Hoffnung und Glück. Alles in allem von der Möglichkeit eines alternativen, von Freiheit zeugenden Lebens. Jenseits gesellschaftlicher Normen kreiert er einen eigenen Schönheitsbegriff, den er, seiner eigenen Aussage nach, „gegen den herrschenden setzt“. Er fordert den Moment heraus, wo sich ihm „das Wesen einer Sache in größtmöglicher Klarheit zeigt.“ Diese Sachen können seine Jeans sein, die er beim Aufwachen nach einer langen Nacht auf einem Geländerpfosten hängen sieht, oder seine Freunde Lutz und Alex, die bei ihm paradiesisch nackt einen Baum besteigen oder an parkenden Autos eine Küstenstraße entlang laufen. Mit Highlightfotografie hat das alles gewiss nichts zu tun.
Wer in dem (ersten nicht-englischen) Turner-Preisträger, der in Berlin, Hamburg und Köln ebenso zuhause ist wie in New York und seinem jetzigen Wohnort London, nur den Dokumentaristen seiner Generation sieht, irrt. Wolfgang Tillmans Blick, der in den subkulturellen Clubs der Metropolen untertaucht und dort tanzende Männerkörper im Rausch der Zeitlosigkeit einfängt, hat größere Reichweite. Und eine emotionale Verbundenheit mit den Menschen, denen er sich annähert, mit den Dingen, die er sieht, mit den Landschaften, die er bereist. Dabei ist Tillmans kein bloß passiver Voyeur. Er wirft sich mitten ins Geschehen. So privat seine Ansichten auch sein mögen, weil sie Spuren seines Lebens und Erlebens beinhalten, so intensiv berühren sie generelle Fragen menschlicher Existenz.
Tillmans belässt es aber nicht bei der Vermittlung seiner unmittelbaren Lebenswelt. Seit 2000 benutzt er die Fotografie zudem auch wie ein abstrakter Maler. In der Dunkelkammer zaubert er ohne Kamera feine Farbschlieren und filigrane Muster hervor.