Wenn Alexander Kluge der Kopf des damals „Neuen Deutschen Films“ war und Rainer Werner Fassbinder das Herz, dann war Wim Wenders dessen Auge. Der 1945 in Düsseldorf geborene Regisseur ist wie ein amerikanischer Teenager aufgewachsen. In Oberhausen, wo Wenders seine Jugend verbrachte, gab es als Kulturstätten nur „Eisdielen mit ihren Jukeboxen“. So zumindest erinnert sich Wenders selbst an die frühen Jahre. Die Kinovorbilder, Fotografien und Phantasie-Aufnahmen aus den und über die Vereinigten Staaten haben ihn geprägt und seinen Blick bestimmt.
Lange ruhige Kamera-Einstellungen, endlose Autofahrten, Stadt- und Naturlandschaften begegnen uns schon in seinen deutschen Filmen, später dann auch in seinen in den USA entstandenen. Wenders hat das weite Land und dessen Mythen vermessen. Später wurde er Opfer Hollywoods, als er dort 1982 seinen Dashiell „Hammett“ drehte und in die Maschinerie des Studio-Systems geriet. Die traumatischen Erfahrungen verarbeitete er in dem wunderbaren Schwarzweißwerk „Der Stand der Dinge“ - seinem Film über das Filmemachen.
Wim Wenders war 12 Jahre alt, als der Vater ihm eine 8-mm-Kamera schenkte. Zehn Jahre später sollte er in München an der Hochschule für Film und Fernsehen sein Studium beginnen und erste Kurzfilme drehen. Bereits 1970 war sein erster Spielfilm fertig: „Summer in the City". Natürlich ein Roadmovie. Männer gehen auf Entdeckungsreise, um bei sich selbst anzukommen. Das gilt für Rüdiger Vogler und Hanns Zischler bei ihrer Tour über Land („Im Lauf der Zeit“, 1976) ebenso wie für Harry Dean Stanton in Wenders' mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnetem „Paris, Texas“. Auf ganz eigenwillige Weise trifft es auch für „Der Himmel über Berlin" zu, wenn die beiden Engel Damiel und Cassiel (Bruno Ganz, Otto Sander) die Menschen betrachten, geleiten und schützen. Bis einer der zwei Unirdischen beschließt, selbst Mensch zu werden und die Liebe zu erlernen.
Der vielfach preisgekrönte Film von 1987, dessen Drehbuch und fragmentarische Erzählform Peter Handke mitverfasst hat, ist gewissermaßen der letzte große deutsche Film vor der Wende: eine Geschichts-Chronik, die die Wunden des Weltkrieges und der noch geteilten Stadt Berlin zeigt und konserviert.
Wenders ist ein Romantiker und Traumreisender, der weitläufigste (und höchst dekorierte) Filmemacher seiner Heimat-Generation. Er hat in Lissabon gedreht und auf Kuba („Buena Vista Social Club“), hat in Japan Yoshi Yamamoto porträtiert und Michelangelo Antonioni bei dessen letztem Werk („Jenseits der Wolken“, 1995) als Co-Regisseur assistiert. Mit Jeanne Moreau ist er „Bis ans Ende der Welt“ (1991) gereist und mit Sam Shepard in den Wilden Westen („Don't come knocking“, 2005), hat Campino vor die Kamera geholt und hat BAP und zuletzt die Wuppertaler Tanztheater-Choreografin "Pina" Bausch in einem in Deutschland wie international vielfach ausgezeichneten Film (darunter auch der Europäische Filmpreis) dokumentarisch festgehalten.
Daneben hat er auch noch Zeit für eigene Foto-Bände. Ein Mann, der eine große Leidenschaft für das Bildermachen hegt und zugleich seine Skepsis gegenüber dem Bildermachen immer wieder zum Thema macht.


