Wim Wenders' Film für und über „Pina” Bausch
26.05.13 13:00

Regisseur Wim Wenders hatte seinen Film ursprünglich mit Pina Bausch als Hauptdarstellerin machen wollen – doch die Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters war am 30. Juni 2009 gestorben. Das suggestive 3D-Verfahren verspricht, dass in den Tanzszenen die Darsteller von der Leinwand herab in den Raum zu treten und physisch zu werden scheinen. Körperlich greifbar, unmittelbar erfahrbar.

Wim Wenders und Pina Bausch kannten sich mehr als 20 Jahre. Sie  waren Freunde. Wenders, der 1945 in Düsseldorf geboren wurde, in Oberhausen aufwuchs und später sein erfundenes Amerika tatsächlich in Hollywood zu finden suchte, hatte am 4. September 2009 auch die Totenrede für Pina im Wuppertaler Opernhaus gehalten, von einem „historischen Verlust“ und von ihrer „Phänomenologie der Gesten“ gesprochen. Damals, mit ihrem Tod, schien die Idee des Films mit, über und für Pina Bausch gescheitert. Es gibt ihn nun aber doch.  

Kulturkenner: Als Sie 1973 „Alice in den Städten“ in Wuppertal drehten, war Pina Bausch soeben zur Leiterin des Tanztheaters berufen worden. Sie sind sich aber nicht über den Weg gelaufen.

Wenders: Da wussten wir nichts voneinander. Ich wusste nicht mal, was Tanztheater war – und der Rest der Republik auch noch nicht.

Kulturkenner: Der Rest der Republik wusste es aber früher als Sie, der Pina Bauschs Tanztheater erst 1985 für sich entdeckt hat.

Wenders: Das kam daher, dass ich 1978 nach Amerika gegangen bin und dort durchgearbeitet und bis 1984/85 gelebt habe. Gerade die Zeit also, in der Pina bekannt wurde.

Kulturkenner: Von Ihrer ersten Begegnung mit dem Tanztheater sagen Sie, wie „vom Donner und zu Tränen gerührt“ gewesen zu sein.

Wenders: Allerdings. Dabei war es mehr oder weniger zufällig, bei einer Retrospektive von Pina im Teatro Fenice in Venedig. Ich hatte bis dahin mit Tanz nichts am Hut. Aber dann haben Leute mir von Pina Bausch erzählt und ich dachte, dass muss ich mir mal ansehen.

Kulturkenner: Es war „Café Müller“ – ein guter Auftakt.

Wenders: Ja. Ein gewaltiges Entrée, auch in der Kombination mit ihrem „Sacre du Printemps“.

Kulturkenner: Hat diese Erstbegegnung auch die Auswahl der vier Stücke für den Film beeinflusst?

Wenders: Bei „Café Müller“« und „Sacre“ waren wir uns einig. Auch „Vollmond“ war unumstritten; danach gab es manches, was weh tat. Aber Pina und ich konnten nur aufnehmen, was in der Drehphase im Theater gespielt würde. Wir hätten sonst weder Bühne noch Dekor gehabt. Wir mussten uns also begrenzen. Die endgültige Auswahl war ein etwas schmerzhafter Prozess, für uns beide. 

Kulturkenner: Dazu kam noch „Kontakthof“ als vierte Choreografie.

Wenders: Unsere Hauptidee war, „Kontakthof“ mit den Tänzern des Ensembles aufzunehmen, da es schon gefilmte Versionen mit den Senioren und mit den Jugendlichen gab. Mit ihren Tänzern hatte Pina das schon lange nicht mehr gemacht. Aber dann hatte ich den Wunsch, die Aufführung auch mal quer durch die drei Generationen erzählen zu können.

Kulturkenner: Wie sehr hat Pinas Tod den Film in seiner Dramaturgie verändert?

Wenders: Wir hätten einen völlig anderen Film zusammen gemacht, mit Pina selbst im Zentrum. Das gemeinsame Konzept basierte zwar auf der Aufzeichnung dieser vier Stücke, darüber hinaus wäre es aber ein Reisefilm geworden, ein Road Movie, bei dem wir Pina nach Südamerika und Asien, vielleicht noch nach Ägypt en begleitet hätten. Und wir hätten mit ihr in Wuppertal gedreht. Das wäre ein Film geworden, in dem sie nicht viel hätte reden und vor allem ihre Arbeit nicht hätte erklären müssen. Pina hat ja der Sprache nicht besonders getraut. Von einem Tag auf den anderen war das hinfällig. Meine erste Reaktion war, den Stecker zu ziehen und die Produktion abzusagen. Aber die Tänzer waren die ersten, die sagten: „Nein, jetzt erst recht!“  Pina wollte immer, dass die Stücke einmal gut aufgezeichnet und „aufgehoben“ würden. Es nicht zu machen, wäre nicht in ihrem Sinn gewesen.

Kulturkenner: Sie haben Pinas Unbehagen gegenüber der Sprache erwähnt. Eine  Gemeinsamkeit zwischen ihnen...

Wenders: Es war wie ein elektrischer Schock, als ich das erste Mal etwas von Pina sah. Das war etwas aus einer getrennt erlebten, aber doch gemeinsamen deutschen Geschichte, eine Sensibilität, vielleicht herrührend aus unserer Jugend in den 50er/60er Jahren, die uns hat verwandt fühlen lassen. Pina war da wie eine Art ältere Schwester für mich. Ich wusste sofort, was sie sagt, was sie sagen wollte, wenn sie es mit Worten nicht richtig ausdrücken konnte. Dafür konnte sie es in der anderen Sprache, auf die sie sich spezialisiert hatte, umso besser sagen, mit Bewegungen.

Kulturkenner: Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Impuls zu schauen, eine Spannung von Beobachtung und Bewegung herzustellen. 

Wenders: Pina nannte es immer „gucken“. Mit einer unglaublichen Geduld hat sie stundenlang geguckt, das Leben in der Stadt beobachtet, aber vor allem ihre Tänzer. Niemand auf unserem Planeten hat seinen Blick so geschärft für das, was Menschen durch Bewegung von sich zeigen. Wie kein anderer hat Pina erforscht, was wir durch unsere Körpersprache ausdrücken. Jeder andere, in Theater, Tanz oder Film, war davon weit entfernt. Vielleicht hat sie gerade wegen ihres Misstrauens in die Sprache dem Schauen so vertraut.

Kulturkenner: Noch eine Gemeinsamkeit existiert: die örtliche. Sozusagen lebenslänglich Wuppertal. Szenen des Films situieren Sie in der Stadt und im Ruhrgebiet.

Wenders: Ich konnte Pina nichts mehr fragen, also habe ich meine Fragen an die Tänzer gerichtet und damit Pinas Arbeitsmethode weitergeführt. Sie antworten, wie sie es von Pina kannten, mit Bewegung, Tanz, Präsenz. Mit dem Filmen der Stücke allein wäre es ja nicht getan gewesen, ich musste Pinas Abwesenheit mit etwas füllen. Ich habe mir die Freiheit genommen, das Theater zu verlassen und andere Spielräume zu finden – Wuppertal, das Umland, Essen Zollverein, Schauplätze, die ich lange und sorgfältig gesucht habe. Für die 3 D-Kameras war das ein Vergnügen, sie gewannen eine andere Raumtiefe,  als das auf der Bühne möglich war.

Kulturkenner: Man weist Wim Wenders doch eher den mythischen Raum Amerikas auf seiner seelischen Landkarte zu. Ist Ihnen als Revier-Kind die Landschaft der Herkunft wichtig?

Wenders: Absolut. Nachdem ich die große Ersatz-Heimat, den amerikanischen Westen, endlich abgearbeitet habe, konnte ich zurück. Ich war schon sehr zuhause in den Bildern, die wir hier gemacht haben, auch in Wuppertal.

 

 

 

 

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