Wilhelm Schürmanns „Steinhammer Straße“ in der SK Stiftung
30.03.12 bis 12.08.12

Steinhammer Straße in Dortmund – nie gehört? Zugegeben: Es gibt bekanntere Kreativzentren. Aber irgendetwas muss da vor ein paar Jahrzehnten in der Luft gelegen haben. Der im letzten Jahr verstorbene bildende Künstler Norbert Thadeusz ist auf der Steinhammer Straße groß geworden. Bernhard Blume, die eine Hälfte des Künstlerehepaares Anna und Bernhard Blume, hat dort ebenfalls gelebt – genauso wie Wilhelm Schürmann, der Sammler, Ausstellungsmacher, Fotograf, Galerist, Professor für Fotografie.

Zwischen 1979 und 1981 hat Wilhelm Schürmann, 1946 geboren, die Straße systematisch mit der Kamera vermessen. Die Anregung dazu kam von Bernhard Blume. Der hatte zufällig ein Foto Schürmanns in der Zeitschrift Kunstforum gesehen, das Schürmann bei einem seiner Verwandtschaftsbesuche in Dortmund aufgenommen hatte. So bekloppte Bilder könne nur einer aus Dortmund machen, ließ Blume Schürmann am Telefon wissen – was als Lob gemeint war. Schürmann solle doch mal die Straße fotografieren. Zwei Jahre lang fuhr Schürmann dann immer mal wieder für ein, zwei Tage zurück in die Steinhammer Straße, in der er bis 1966 gewohnt hatte. Und fragte systematisch alle Anwohner, ob er sie und ihre Wohnungen fotografieren darf.

Rund 2.000 Aufnahmen umfasst Schürmanns Steinhammer Straße-Konvolut, das er der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Köln 2007 geschenkt hat. Der Sammler selbst hat daraus nun 180 Bilder ausgewählt und unter dem Titel „Wilhelm Schürmann. Wegweiser zum Glück. Bilder einer Straße 1979-1981“ als Ausstellung eingerichtet. Bilder, die den Anspruch erheben, mehr als nur private Erinnerungen festzuhalten.

Tatsächlich werden Dekor und Lebensgefühl der 1970er Jahre in den Aufnahmen auf beeindruckend markante Weise ansichtig. Züchtig adrett, hemdsärmelig locker, familiär aufgeschlossen treten die Porträtierten dem Betrachter entgegen, im gebügelten Sonntagsanzug oder mit freiem Oberkörper. Doch das intensivste Aroma dieser Zeit entfalten die Interieurs. Eine Stereoanlage, deren aufwendige Wandmontage den Stolz auf eine so kostspielige Anschaffung erahnen lässt. Zimmerpalmen in Heringstöpfchen, psychodelisch gemusterte Tapeten, grob geblümte Sofakissen, ein Telefon, das einen Ehrenplatz auf einem eigens dafür angeschraubten Regalbrettern beanspruchen darf. Mit neusachlicher Distanz bekommt Schürmann die Anwohner und ihre Wohnungen in den Blick, dabei immer zugewandt und aufgeschlossen. Seine Bilder sind nicht selten komisch, nie aber denunzieren sie die Lebenswelt, die sie zeigen.

Gerade mal 30 Jahre sind diese Aufnahmen entfernt von heute. Ansichtig wird ein anderes Jahrtausend: Das Möppkenbrot kostete 60 Pfennige und die Straße, die in Anlehnung an die zentrale Einkaufsstraße der Stadt auch der kleine Westenhellweg genannt wurde, war geprägt durch zahlreiche Geschäfte. In den Gärten hinter den Häusern wurden noch Schweine und Hühner gehalten und unter den Dächern Tauben. Mit verschränkten Armen, die schütteren Haare streng zurückgekämmt, oberster Hemdknopf geschlossen, hält der stadtbekannte Taubenzüchter Willy Rakowitsch Schürmanns Kamera stand, links und rechts über ihm attestieren zwei gerahmte Ehrenurkunden dem „Sportfreund“ seine Exzellenz.

Schürmanns Blick für das Zeittypische genauso wie für die Exotik dieser Jahre ließe vermuten, dass er sich dem Umfeld seiner Herkunft entfremdet hatte, als er begann, es mit der Kamera zu archivieren. Doch es ist das Bewusstsein für das Verschwinden einer Welt, dessen Teil er selbst gewesen ist, das Schürmanns Blick scharf stellt – und ihn gegen den Kitsch immunisiert.

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