„Vor dem Gesetz“ im Museum Ludwig
17.12.11 bis 22.04.12

Kasper König geht. Es sind zwar noch ein paar Monate, bis der hoch angesehene Museumsmann den Chefsessel im Museum Ludwig verlässt. Doch jetzt schon schickt der 68-Jährige einen Abschiedsgruß vorweg – mit seiner letzten programmatischen Ausstellung „Vor dem Gesetz“. Heiter ist der ganz und gar nicht. Trotzdem durchaus hoffnungsvoll – auch wenn man das mit Blick auf die bald 30 im zweiten Stock des Museums versammelten „Skulpturen der Nachkriegzeit und Räume der Gegenwartskunst“ zunächst vielleicht nicht vermuten mag.

Schon der Einstieg gibt sich gedankenschwer: Da hockt Gerhard Marcks’ „Gefesselter Prometheus II“ hager, entkräftet, tief gebeugt. In Sinnsuche und Selbstzweifel versunken, begegnet der gefallene Held einer Landschaft aus alten Holzbrettern, bestückt mit Ölfässern, Reifen, zerschlagenen Glasflaschen und allerlei Auto-Schrott. Jimmi Durham, Anfang sechzig und Cherokee-Indianer, nennt seine Großinstallation „Building a Nation“ und spickt sie überall mit rassistischen Aussprüchen, wie dem eines US-Offiziers, der sich im 19. Jahrhundert mit brutalen Feldzügen gegen die Indianer hervortat: „Die einzigen guten Indianer, die ich je gesehen habe, waren tot.“

Königs Kölner Abschiedsschau, die ihren Titel der gleichnamigen Kafka-Erzählung entlehnt, hat sich Großes vorgenommen – sie will „grundsätzliche Bedingungen des Menschseins“ verhandeln, mit „menschlicher Existenz und Verletzlichkeit“ umgehen, nach „dem humanistischen Potential der Gegenwartskunst“ fragen.

So viel Pathos ist man nicht mehr gewöhnt im zunehmend lauen Kunstbetrieb. Und der dick aufgetragene Tiefgang stimmt auch eher skeptisch. Doch kann die groß angelegte, wohl ausgewogene, gekonnt inszenierte Schau mit ihren wenigen ausgewählten figurativen Skulpturen der Nachkriegszeit und einer Reihe treffender Installationen jüngeren Datums den hehren Anspruch einlösen.

Hier schaut Thomas Schüttes stählerner „Vater Staat“ von 2011 aus vier Metern Höhe auf ein mageres Bein, von Alberto Giacometti 1958 in Bronze gegossen. Dort breitet Andreas Siekmann seine gewaltige Wanderung aus: Computerzeichnungen begleiten Dante und Vergil durch die Welt der Abgeschobenen, Ausgeschlossenen, Rechtlosen - ins Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko etwa, zu Flüchtlingsaufständen in Australien, in die Ausländerbehörde nach Kassel.

Pawel Althamer hat sich mit seinen Nachbarn aus einem polnischen Plattenbauviertel zusammengetan – gemeinsam hat man eine groteske Gruppe merkwürdig verkleideter Fremdlinge auf die Beine gestellt, die in der Kölner Schau gleich neben Candida Höfers Fotofolge zu Rodins „Bürgern von Calais“ aufmarschieren. Zu all dem dreht Bruce Naumans grausiges „Carousel“ seine Runden – eine Horde strangulierter Tierkadaver im Schlepptau.

Ein Plädoyer für das Museum will König hier halten. Und es ist ihm gelungen. Insofern möchte man dem Rundgang durchaus positive Seiten abgewinnen. Beweist er doch, dass es auch heute – in unseren eiligen Zeiten des oberflächlichen Kunstkonsums, der Blockbuster-Ausstellungen und der Mega-Events - noch funktioniert: Das Museum als Ort, an dem sich existenzielle Fragen erörtern lassen.

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