„Virtueller Wahnsinn – Mein Leben im Internet“ im KJT Dortmund
03.03.12 18:00

Ein Nachmittag wie jeder andere. Eine Schülerin ruft eine Freundin an, um mal zu hören, was die gerade so macht. Die hat noch ein Gespräch auf einer anderen Leitung. Der Anruf wird zur Konferenzschaltung, an der mehr und mehr Jugendliche teilnehmen. Sie alle hängen am Telefon, sitzen vor dem Computer oder dem Fernseher.

David Beyer greift in seiner am Dortmunder KJT entstandenen „Stückentwicklung mit jungen Menschen“ auch diese Situation auf. Die erste Anruferin steht mitten auf der leeren Bühne. Eine Mitspielerin beginnt, Frischhaltefolie um sie herumzuwickeln. Dann geht sie zu dem Mädchen, das den Anruf entgegennimmt und wickelt auch sie mit der Folie ein. Und immer so weiter, von einer zur nächsten, bis sich die Linien und Bänder aus Folie kreuz und quer über die Bühne ziehen. Jeder ist mit jedem verknüpft zu einem Netz aus Menschen, das Halt suggeriert, aber den Einzelnen auch zum Gefangenen macht, während alle wild durcheinander sprechen und niemand mehr Gehör findet.

Die modernen Kommunikationstechnologien, Internet und Mobiltelefon, Chat-Rooms und soziale Netzwerke, sind nicht mehr wegzudenken aus dem Alltag. Aber sie haben auch etwas aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Realität weicht immer weiter vor dem Virtuellen zurück. Klicks im Netz, ein „Gefällt mir“ oder auch zurückgewiesene Freundschaftsanfrage, stehen (fast) gleichberechtigt neben tatsächlichen Begegnungen und Gesprächen. 

Für die 16 Jugendlichen, die diesen zwischen Doku-Theater und Kunst-Perfomance, Tanz-Choreographie und Poetry Slam angesiedelten Abend zusammen mit Beyer und einer Theaterpädagogin entwickelt haben, ist das alles selbstverständlich. Aber gerade das macht es zu einem Thema für kritische Fragen und Reflexionen. Dabei gelingt das Kunststück, das Virtuelle zurück in die Wirklichkeit zu holen.

Ein erster Chat zwischen einer 17-Jährigen und einem 18-Jährigen wird von einem Pas de deux zweier anderer begleitet. Die schnell dahin getippten Worte werden zu Bewegungen und bekommen emotionales Gewicht. Das ist das Prinzip des Projekts. Aus zunächst harmlos wirkenden SMS-Meldungen erwachsen Diffamierungen und Schmähungen, unter der eine Schülerin schließlich buchstäblich begraben wird. Die Jugendlichen setzen der imaginären Welt des Internets ihre Körperlichkeit entgegen und schaffen ein neues Gleichgewicht.

 

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