Seit Maria Callas in den 1950er Jahren Bellinis Meisterwerk „Norma“ triumphal rehabilitiert hat, umgibt die Oper ein Nimbus. Was vor allem an der halsbrecherischen Titelpartie liegt, die seitdem Vorrecht der Primadonnen ist. Generell gilt Bellini als schwer zu inszenieren, was bewirkt hat, dass man „Norma“ häufig, wenn überhaupt, meistens konzertant erlebt. Nun haben sich gleich zwei Opernhäuser, keine 75 Kilometer voneinander entfernt, an den Belcanto-Brocken gewagt: Krefeld und Dortmund.
„Norma“ spielt im ersten vorchristlichen Jahrhundert in Gallien und erzählt von einer unmöglichen Liebe in kriegerischer Zeit: Die gallische Druidenpriesterin Norma liebt heimlich den römischen Prokonsul Pollione und hat zwei Kinder mit ihm. Die Gallier wollen Aufstand und Krieg gegen die Besatzer, was Norma, belastet durch ihr Doppelleben und ihre komplizierte Beziehung zu dem Feind, in einen Konflikt stürzt. Zudem muss sie erfahren, dass Pollione sie mit der jüngeren Adalgisa betrügt, ihrer Vertrauten.
In Krefeld verlegt Thomas Wünsch die Geschichte in den Neorealismus. Der Regisseur geht davon aus, dass Bellini als Schauplatz nur deshalb in der Vergangenheit angesiedelt habe, um der Zensur zu entgehen und verschlüsselt die damals aktuelle Situation Italiens zur Zeit des Risorgimento zu reflektieren. Eine hohe Mauer mit eisernem Tor lässt Häuserfassaden mit eingeschlagenen Fenstern erkennen. Ein bedrückendes, von Elend gezeichnetes Umfeld zwischen Bürgerkrieg und Ghetto. Lediglich eine Silberkette mit Halbmond weist Norma als Hohepriesterin aus, ansonsten ähnelt Barbara Dobrzanska der großen Anna Magnani. Die Inszenierung findet schlüssige, nicht überzeichnende Bilder für die oft durch lange Passagen des virtuosen Ziergesangs stagnierende Handlung.
Musikalisch wird hohes Niveau geboten, von Barbara Dobrzanskas grandiosem Rollendebüt überstrahlt. Die Sopranistin besitzt eine klar fokussierte, kraftvoll strahlende Stimme, die zu gebieterischen Spitzentönen ebenso in der Lage ist wie zu den von ihr gestochen scharfen gesungenen Koloraturen. Prächtig einstudiert sind die Chöre (Maria Benyumova); Kapellmeister Andreas Fellner führt die Niederrheinischen Sinfoniker federnd und umsichtig.
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