Türkisch-deutsche Beziehungen in „Almanya“

Anatolien liegt außerhalb Europas. Auf der Landkarte kann Cenk (Rafael Koussouris) das Fähnchen seiner Herkunft nicht aufpflanzen: Seine Heimat, zeigt ihm das Fräulein Lehrerin bedauernd, passt nicht mehr drauf. Cenk ist deutscher Türke der drittem Generation, seit Opa damals seine junge Frau, Kinder und Schafe verließ, um als Gastarbeiter dem Ruf zu folgen, was Yasemin Samdereli ganz buchstäblich versteht: Die Völker des Südens hören die Signale wie aus einem unsichtbaren Lautsprecher, mit dem die Wirtschaftswunderkinder an ihre Fleischtöpfe und Werkbänke, auf Müllhalden, in Baugruben und Stollen locken. Ein Exodus mit Folgen.  

Opa Hüseyin, bei seiner Ankunft der 1000.0001 Gastarbeiter und ein halbes Jahrhundert später auf der Gästeliste von Angela Merkel für einen Festakt, versammelt Söhne, Töchter und Enkel um sich und eröffnet ihnen, ein Haus in der alten Heimat gekauft zu haben und mit der ganzen Sippe in den Ferien dorthin zu reisen – was zu den üblichen innerfamiliären Differenzen führt.

Rückblenden beleuchten das Schicksal der Erstankömmlinge im Land der Ungläubigen, im Land der Kartoffel: einer anonymisiert ortlosen Bundesrepublik (es könnte das Ruhrgebiet sein), wo die Einwohner eine Kunstsprache sprechen – ein phonetisches Kauderwelsch aus skandinavisch klingenden Lauten und Chaplins diktatorischem Hinkel-Slang, während die islamischen Neulinge ihrerseits reinstes Hochdeutsch reden. 

Klischees von deutscher Bürokratie und Fremdenfeindlichkeit, von Sauberkeit und Schlagerseligkeit, Gründlichkeit, Lustbarkeit und Christlichkeit (der tote Mann am Kreuz als Kinderschreck und das Abendmahl als kannibalische Phantasie) werden dabei entweder bestätigt oder ins Absurde verkehrt. 

Das Problem von „Almanya“ dabei ist die prädikatsverdächtig gute Absicht, permanent ein Bewusstsein schaffen zu wollen für die Sache und Sicht der Eingewanderten. Inszeniert wird dann wie mit Ausrufezeichen. Erst spät kommt „Almanya“ zur Ruhe, findet zu sich selbst und legt seine übertriebene Witzigkeit ab. Die Schwestern Samdereli wollen zu grundsätzlich erzählen, statt die Perspektive klein und persönlich zu halten. Dabei kann der andere Blick auf Mentalitäten und ihre Unterschiede produktiv sein. Integration anders herum. Will sagen: Die spinnen, die Deutschen. 

 

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