„The Oil Show“ im HMKV
12.11.11 bis 18.03.12

Seit einiger Zeit steht da dieses Bauschild vor dem Dortmunder „U“. Bis Februar 2012 soll dort, laut Schild, ein Öl-Förderturm entstehen. Ein Konsortium internationaler Bohrfirmen sei bei Probebohrungen auf unterirdische Ölvorkommen gestoßen – dieses sogenannte unkonventionelle Erdöl befindet sich in einer Tiefe von 2500 Metern direkt unter dem „U“; vermutete Fördermenge: 0,8 Millionen Tonnen.

In diesem Zusammenhang braucht man sich auch nicht über die verschlungene Installation aus roten und silbernen Röhren wundern, die sich neuerdings über die Etagen des „U“ erstreckt und in den Ausstellungsräumen der „Oil Show“ endet. Das Röhrenwerk stammt vom schweizerisch-österreichischen Künstlerduo „UBERMORGEN.COM“: „Hier wird Dortmunder Öl bester Qualität gefördert und zur Weiterverarbeitung per Pipeline in das ehemalige Brauereigebäude geleitet. Das Zentrum für Kunst und Kreativität wird so zu einer gigantischen Ölraffinerie.“

Hinter dem Ausstellungstitel „The Oil Show“ könnte sich auch der pseudo-coole Versuch eines Museums verbergen, das mal wieder seine Archivbestände alter Ölgemälde aus dem Keller holt. Der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) beleuchtet hingegen den Rohstoff und Energieträger Öl, der heute billiger als Wasser ist, mit fünfzehn künstlerischen Positionen mit Blick auf geopolitische, gesellschaftliche und ökologische Aspekte.

Wir alle leben in Abhängigkeit vom Öl und sind längst Teil der großen „Oil Show“. Unsere Kleidung besteht aus Materialien, in denen Erdöl enthalten ist, zudem wird es für die Produktion von Farben, Konservierungsstoffen, Lebensmittelzusätzen wie Süßstoff oder Aromen, Medikamente, Druckerschwärze, Sprengstoffe, Shampoos und Kosmetika verwendet. Ohne Öl in Düngemitteln könnte die globale Lebensmittelproduktion für 7 Milliarden Menschen nicht mehr aufrecht gehalten werden.

Den, teils erschreckenden, teils überraschenden Zahlen, Daten und Fakten widmet der HMKV viel Raum. Man braucht Zeit für diese Ausstellung, z.B. für Ursula Biemanns „The Black Sea Files“, eine Recherche über die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, die Rohöl aus Aserbaidschan und Kasachstan an die türkische Mittelmeerküste transportiert. Biemanns filmische Dossiers auf 11 Monitoren zeigen die Menschen im „Nahraum“ dieser Pipeline, vom Ölarbeiter bis zur Prostituierten.

Christian von Borries beschäftigt sich in seinem Film „The Dubai in Me“ mit dem gigantischen Inselbauwerk „The World“ des Öl-Emirats und wechselt die Perspektive. Statt vom Himmel bleibt er auf dem Boden, schwenkt z.B. über die karge, unbebaute Mondlandschaft der aufgeschütteten Inseln und rückt die Lebenswelten der billigen asiatischen Arbeitskräfte in den Fokus.

Der Besucher kann die Computerspiele „Oil Imperium“, „Oiligarchy“ und „Oil Rush“ ausprobieren, entweder als Magnat in einer Wirtschaftssimulation oder als Kämpfer um Rohstoffe in einer postapokalyptischen Welt. Mark Lombardi zeigt in einem, äußerlich unscheinbaren, Schaubild die wirtschaftlichen Verstrickungen zwischen der US-Politik und den saudiarabischen Ölfirmen: „George W. Bush, Harken Energy and Jackson Stephens, C. 1979-1990“.

Besonders beeindruckt die Doppelprojektion zweier Filme von Mark Boulos. In seiner Videoinstallation „All That is Solid Melts into Air“ dokumentiert er die Endpunkte der Öl-Ökonomie. Auf der einen Seite eines der Herzen der Finsternis, das ölverschlammte Nigerdelta; sein Dokumentarfilm zeigt den Alltag der Unabhängigkeitsbewegung „Movement for the Emancipation of the Niger Delta“. Dem gegenüber kann man die merkwürdige Choreografie der Gesten von Börsenhändlern an der Chicagoer Börse, dem weltweit größten Handelsplatz für Derivate und Futures, beobachten.

Ergänzt wird „The Oil Show” durch ein passendes Filmprogramm (jeweils freitags um 20 Uhr), dabei sind Filme wie Werner Herzogs Doku „Lektionen in Finsternis“ und der Spielfilm „There Will Be Blood“ mit Daniel Day-Lewis. Das vollständige Filmprogramm findet sich hier.

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