Susanne Linke

Sie ist die Jüngste im tanztheatralen Bunde: Mit Reinhild Hoffmann, Gerhard Bohner, Hans Kresnik und der 2009 verstorbenen Pina Bausch gehört Susanne Linke zur Gründergeneration des deutschen Tanztheaters. Gleichzeitig ist sie eine der letzten großen Solistinnen in der Tradition des deutschen Ausdruckstanzes. Wie keine andere Künstlerin hat sie das Erbe von Mary Wigman und Kurt Jooss in eine zeitgenössische Form über- und weitergeführt.
Tanz war und ist für Susanne Linke mehr als nur Lust oder Berufung. Durch eine frühkindliche Erkrankung in ihrer Entwicklung gestört, lernte die evangelische Pfarrerstochter aus Lüneburg erst mit sechs Jahren sprechen und hören. Bewegung und Gestik wurden ihr zum ersten Ausdrucksmittel. Ihren Lebensweg – vom Aufenthalt in der Psychiatrie über den Jugendtraum, Tänzerin zu werden, bis hin zur reifen Künstlerin – skizzierte sie 1985 in  „Schritte verfolgen“. Ein hartes Stück Tanz, das damals viele Zuschauer erschreckte und Susanne Linke zum Durchbruch verhalf. Danach machte sie sich mit einem Koffer voller Solostücke auf zu einer weltweiten Karriere.
Ihren Erfolg, so sieht Susanne Linke es selbst, verdankt sie ihrer ästhetischen Sonderrolle, ermöglicht durch eine zweigleisige Ausbildung. Nach der Zeit bei Mary Wigman, ideologisch motivierte Pionierin des deutschen Ausdruckstanzes, absolvierte sie eine technikorientierte Ausbildung an der Folkwang Hochschule in Essen. Nach dem Examen blieb sie als Tänzerin im Folkwang Tanzstudio unter Pina Bausch. 1975 übernahm sie mit Reinhild Hoffmann die künstlerische Leitung. Beide machten aus der Erprobungsstätte für den Nachwuchs ein professionelles Ensemble. Linke gelangen dort unkonventionelle Tanzstücke wie „Die Nächste bitte“ (1978), „Frauenballett“ (1981) oder das legendäre Solo „Im Bade wannen“ (1980).
Ab 1994 baute Susanne Linke mit dem Schweizer Urs Dietrich am Bremer Theater eine Compagnie auf. Sie ging im Jahr 2000, um die Leitung des neuen Choreografischen Zentrums in Essen zu übernehmen. Im Streit um die künstlerische Ausrichtung des Hauses scheiterten ihre Pläne. Susanne Linke zog nach Berlin und arbeitet seitdem wieder als freischaffende Choreografin und Solistin.

Sie haben einmal betont, dass Sie für den Erfolg hart schuften mussten. Hat es sich gelohnt?
Linke: Ja, das sehe ich jetzt wohl. Ohne harte Arbeit geht’s auf Dauer nicht. Dabei haben es die Jungen heute besonders schwer. Kaum machen sie ein gutes Stück, stürzen sich Kuratoren und Medien auf sie und üben gefährlichen Erfolgsdruck aus. Pina, Reinhild und ich hatten viel Zeit zu probieren,  vor allem bei Pina hat es lange gedauert. Aber wir haben den Erfolg auch länger halten können.

Was hat Sie in schweren Phasen angetrieben?
Linke: Für mich war immer klar, dass der Tanz mein Ausdrucksmittel ist. Wenn ich eine Choreografie machte, reagierte das Publikum am wärmsten. Jeder Mensch braucht Liebe und tut deshalb das, womit er am meisten Erfolg hat. Ich habe nie Pläne gemacht und lebe von der Hand in den Mund.

Ihr autobiografisch grundiertes Stück „Schritte verfolgen“ ist ein hartes Stück Tanz. Es hat Ihnen zum Durchbruch verholfen. Wie erklären Sie sich den damaligen Erfolg dieses schwer verdaulichen Solos?
Linke: Das weiß ich selber nicht. Man weiß selbst nie, wie man auf der Bühne wirkt. Aber auf den Videos von vor zwanzig Jahren sieht man, dass ich als Tänzerin nicht schlecht war. Die Uraufführung wurde vom Publikum mit Respekt aufgenommen. Die Fachleute haben gespürt, dass es eine Kraft hat.

Wie gelang es Ihnen, biografisch zu arbeiten, ohne sich selbst preiszugeben?
Linke: Das ist die Kunst. Man nimmt etwas von sich selbst und findet dafür eine künstlerische Form. So etwas muss gedanklich hart erarbeitet werden. Die Frage ist immer, wie man tänzerisch mit einem Konzept umgeht. Über den heutigen Begriff „Konzept-Tanz“ übrigens kann ich nur lachen – als ob wir damals kein Konzept gehabt hätten. 

Von der „Wahrheit des Ausdrucks“, einer Forderung des Ausdruckstanzes, halten Sie nichts. Es zähle nur die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, sagten Sie einmal. Gibt es eine Ehrlichkeit gegenüber dem Publikum?
Linke: Das Publikum will belogen werden. Es will Klischees sehen, es will Illusion und Träume. Diese Erwartung nicht zu erfüllen ist eine Gratwanderung. Ironie und Parodie sind da eine gute Möglichkeit. Deshalb mögen die Leute meine Stücke oft nicht; sie sagen, sie seien eine Zumutung. Heute arbeiten viele Künstler bewusst in diese Richtung. Sie wollen schockieren. Ich wollte berühren.

In Ihren Solotänzen durchbrachen Sie die damaligen Erwartungen des Tanzpublikums, indem Sie die Erhabenheit des Tanzes mit der Banalität des Alltäglichen konfrontieren. War das der intellektuelle Ansatz, oder entstanden Ihre Stücke aus dem Bauch?
Linke: Richtig, das ist aus dem Geist der 1970er Jahre entstanden. Ich habe aber immer erst verarbeitet, was mich beschäftigt hat. Intellektuell mache ich hinterher.

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