Die digitale Revolution, der globale Datenstrom, eine Bilderflut von nie gekanntem, kaum fassbarem Ausmaß. Alles Entwicklungen jüngerer Zeit, mit denen die Fotografie künftig leben muss. Aber wie soll das gehen? Manch einer beschwört schon die große Krise des Mediums herauf, sieht gar das Ende nahen. Das NRW-Forum konstatiert dagegen nur den „großen Wandel“.
Nicht von Niedergang ist hier die Rede. Eher hat es die Ausstellung „State of the Art Photography“ darauf abgesehen, die grenzenlosen Möglichkeiten eines eindrucksvollen neuen Aufbruchs zu illustrieren. Mit 41 meist jüngeren Künstlern zieht diese Leistungsschau einen Querschnitt durch die aktuelle Fotografie. Und damit nicht genug – sie soll noch dazu zeigen, wie es in den nächsten Jahren weitergeht mit dem Medium.
Ziemlich unübersichtlich, so scheint es in Düsseldorf. Aber was will man auch anderes erwarten, wenn man so viele mit Fotografie arbeitende Zeitgenossen auf dafür doch eher engem Raum zusammenwürfelt. Da wird collagiert, dokumentiert, manipuliert, fleißig zitiert und auf längst Historisches referiert. Die Suche nach Richtungen bringt hier wenig. Interessant erscheint die Schau weniger als Trendbarometer, sondern eher als nebeneinander zum großen Teil jüngerer Positionen, unter denen sich manch eine Entdeckung machen lässt.
Laura Bielau (Jg. 1981) etwa, die in ihrer konzeptionell präzise zusammengestellten Serie sachlich gesehene Objekte, Landschaften, Gesichter reiht und dabei ausdrücklich Bezug nimmt auf den neusachlichen Fotografen Albert Renger-Patzsch.
Auf Alexandra Grein (Jg. 1983) wirkten dagegen offenbar die romantischen Stimmungslandschaften eines Caspar David Friedrich anregend. Ihre grünen Schluchten und einsamen Gipfel, ihre in- und übereinander geschobenen Eisschollen sind allerdings weder gemalt, noch einfach fotografiert. Sie sind aus unzähligen Fragmenten zusammengestückt, die Grein im Internet zusammensucht. Malen mit Google-Earth sozusagen.
Eher bildhauerisch arbeitet dagegen Asger Carlsen (Jg. 1973), allerdings formt er seine Materie weder mit der Hand, noch mit Meißel oder Messer, sondern per Photoshop. Die Ergebnisse sehen gruselig aus: Völlig verstümmelte Leiber, die kopflos auf der Couch knien oder gleich einem Marmortorso im Regal ruhen.
Wie all die anderen im NRW-Forum soll auch Carlsen die Diskussion der kommenden Jahre bestimmen, so verheißt es die Ausstellung. Bei dieser doch recht kühnen Behauptung kann sie sich auf eine beeindruckende Experten-Riege berufen. Für die Auswahl der Künstler waren neben Werner Lippert vom NRW-Forum, Fotografenstar Andreas Gursky, der legendäre Modefotograf und Sammler F. C. Gundlach und Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie in Berlin, zuständig. Außerdem im Gremium: Klaus Biesenbach, Direktor vom P.S.1, dem zeitgenössischen Zweig des New Yorker Museum of Modern Art, Thomas Weski, früher Museumsmann, jetzt Professor und hervorragender Foto-Experte, Andréa Holzherr, Ausstellungsmanagerin bei der berühmten Agentur Magnum Photos. Und Thomas Seelig, Sammlungskurator am renommierten Fotomuseum in Winterthur.
Zu dessen Favoriten zählen Rico Scagliola (Jg. 1985) und Michael Meier (Jg. 1982). Gemeinsam haben die beiden ein gewaltiges Archiv zu Jugendszenen angelegt und aus dem Material eine Installation gemacht. Was das Thema angeht, referieren sie offensichtlich auf berühmte Kollegen – allen voran Nan Goldin. Gleichzeitig aber verleihen sie dem alten Gegenstand eine neue Medialität. Es ist keine einfache Diaprojektion mehr, sondern eine vielfache auf iPads, wo sich stehende mit bewegten Bildern mischen – eine Sprache, wie sie heute etwa aus Facebook-Alben geläufig ist.
Hier werden Dinge praktiziert, die vielleicht doch irgendwie bezeichnend scheinen für die junge Foto-Generation im NRW-Forum: Der bewusste, selektive Umgang mit der Masse an neuen und alten Möglichkeiten, die dezidierte Wahl der Mittel. Und immer wieder auch der Rückgriff auf die Fotografie- oder Kunstgeschichte.
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