Sokurows „Faust“
bis 22.05.12

Der Anfang ist rauschhaft. In den Wolken hängt ein Spiegel, die Kamera schwebt durch die Lüfte und senkt sich nach einem weiten Panorama-Schwenk auf eine Stadt am Meer und in gebirgigem Tal – oder ist es nicht doch eher die Fantasy-Landschaft von Mittelerde? 

Alexander Sokurow landet nach dem Höhenflug, der sich von einer Google-Map-Erkundung kaum unterscheidet, im Mikrokosmischen: dem Gekröse. In einem Schuppen greift ein missmutiger Mann ins pralle Menschenleben und fuhrwerkt im Unterleib einer Leiche, assistiert von einem Gesellen. Famulus Wagner (Georg Friedrich), naiv devot bis vorwitzig, und Professor Faust suchen die Seele in diversen Körperabteilungen, wobei der seiner Gelehrsamkeit überdrüssige Skeptiker sie am wenigsten im Kopf vermutet.

Mit seinem auf Deutsch gedrehten „Faust“ beendet der 1951 geborene Sokurow eine Tetralogie, die zuvor Hitler, Lenin und Japans Kaiser Hirohito als historische Hasardeure und Weltvernichter porträtiert hat. Die Totalitarismus-Galerie beschließt er mit einer mythischen Figur. Augenfällig wird das heiße Bemühen, den expressionistischen Stummfilm in Szenen, Figuren und Räumen spukhaft auferstehen zu lassen. Situiert in ein exzentrisches Biedermeier, datiert um Goethes Lebensende 1832, verfremden Objektive das Drama grotesk wie im Hohlspiegel, wird es in die Form kolorierter Daguerrotypien gezwängt und in ein ausgelaugt milchiges Giftgrün getunkt. Die Kamera führt Bruno Delbonnel, der „Die fabelhafte Welt der Amélie“ in ihrer pittoresk bonbonfarbenen Süßigkeit erfand und nun diese Methode ins Säuerliche kippt.

Der abgerissene, brabbelnde, depressive Faust (Johannes Zeiler) besucht seinen Vater, den quacksalbernden Medizinmann, der die Beziehung des Sohnes zum Wucherer (Anton Adassinsky) beargwöhnt, hinter dessen fahl monströser Erscheinung sich weniger ein Pferdefuß verbirgt als ein geblähter Wanst. Dieser (fatal als jüdischer Typus charakterisierte) Teufel klebt mit seinem schmierigen Wesen an Faust und fordert zum Tyrannenmord heraus.

Die beiden Zausel stromern umher, sondern Sentenzen ab, mischen sich unters dekorativ gecastete Volk und beobachten beim Großreine-Machen auch Margarete (Isolda Dychauk) im Badehaus. Ständig reiben und drängen sich Körper aneinander und geraten auf Tuchfühlung; ständig äugt jemand ums Eck. Die Tendenz geht dahin, allgemeine Orientierungslosigkeit zu versinnbildlichen. Sokurow hat dafür sein Goethe-Museum kräftig angeschrägt und die klassischen Säulen wie mit Graffiti überzogen. In Venedig gab es dafür den Goldenen Löwen. 

 

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"Bal – Honig" von Semih Kaplanoglu

Mit "Bal – Honig" beendet der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu seine anatolische Trilogie. Der Film, der auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann, erzählt die Geschichte des sechsjährigen Yusuf und seines Vaters, eines Imkers.

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„Copie conforme“ lautet im Original Abbas Kiarostamis unverfänglich scheinender Film „Die Liebesfälscher“: eine vertrackt einfache Reflexion über das Mögliche und Wirkliche, über Täuschung, Selbsttäuschung und Enttäuschung, Wunsch und Wahn.

Terrence Malicks „The Tree of Life“

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„Eine englische Wallfahrt“ nannte der Schriftsteller W.G. Sebald seinen 1995 erschienenen Reisebericht „Die Ringe des Saturn“. Was das Buch unzulänglich charakterisiert. Der Form nach eine Wanderung durch Suffolk, ist es sehr viel mehr: ein an der Wirklichkeit gehärtetes Traumbuch, trauernd über Verlorenes und Vernichtetes. In der Halle Kalk findet die Regisseurin Katie Mitchell den idealen Echoraum für ihre Annäherung an den deutschen, in England heimisch gewordenen Sebald.

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