Shakespeares Richard III. im Schauspielhaus
22.05.13 19:30

Richard III., das Monstrum, steht überlebensgroß in seinem körperlichen, seelischen und moralischen Defekt: „Hunde bellen, hink ich wo vorbei.“ Den Ausspruch nimmt Intendant Staffan Valdemar Holm für den akustischen Auftakt seiner (bereits in Kopenhagen einmal erarbeiteten) Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Es bellen die Hunde. Das Gekläff aus Menschenmund vereint das Ensemble im Geifern gegen einen Artgenossen, dessen Eröffnungs-Monolog die Meute zuvor brockenweise vorgekaut und ihn selbst in seiner schäbigen Schiefheit imitiert hat. Dann bändigt der so Begrüßte die Kläffer, dass sie nur noch jaulen – und geht glorreich in den Untergang. 

Shakespeares Richard, Herzog von Gloucester, ist aus Hässlichkeit böse und aus Bosheit klug. Sein Talent zu Gewalt, zur Lüge, Täuschung und Arglist trägt der intellektuelle Stratege der Macht wie eine Auszeichnung. Der „Agent der Hölle“, wie es Thomas Brasch übersetzt, ist zynisch und verächtlich gegenüber dem Menschlichen. 

Mit einer Intrige beseitigt er seinen Bruder Clarence, bringt Könige und deren prinzliche Erben um, ergreift die Hand der Witwe des alten Monarchen, um die Dame später umzubringen für eine günstigere Ehe, verfolgt einen Mitwisser, den es vor weiteren Bluttaten schaudert, heuchelt Demut, bevor er sich zur Annahme der Krone überreden lässt, erträgt Spott und Fluch, sogar den der leiblichen Mutter. 

Das England der Zeit von 1471 bis 1485, in der die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster enden, ist in Düsseldorf: ein leerer Raum. Nur ein paar Dutzend Stühle reihen sich auf dem günstig verkleinerten, vorn offenen Bühnen-Karré (Bente Lykke Moller), von deren Plätzen sich die zehn Darsteller auf Stichwort erheben. Die schwarzen Wände sind beschriftet mit dem Stammbaum der in die Auseinandersetzung verkeilten Adelshäuser. Das ähnelt einer Unterrichtstafel so wie die Aufführung auch etwas von der Sitzung einer Selbsterfahrungsgruppe hat. 

Stirbt eine der Personen wird ihr Name mit Kreide ausgestrichen. Der Tod ist auch nur eine andere Art von bürokratischem Federstrich. Die Kerle und Knaben, ob als Killer oder deren Opfer, sind in ihrer Alltäglichkeit Kretins, und im permanenten Rollenwechsel austauschbar bis zur Gesichtslosigkeit; die vier blaublütigen Ladies geraten als hysterische Heulbojen und Klageweiber in ihrer schreienden Exzentrik vielfach außer sich. Der Charakter wird bevorzugt aufs Stimmband gelegt. Oder ins äußere Erscheinungsbild. Die schlabberige Oberbekleidung des Rainer Galke sagt einiges über das Wesen Richards: ein wonniger, kumpelig schmieriger Animateur, Applausschinder und Ranschmeißer. 

Man gibt sich lässig, sportiv, energetisch und improvisatorisch, ist aber nicht gelöst, nicht entspannt, nicht souverän genug für diese offene Form einer kontrolliert entregelten Spielsamkeit, die teils die Humoreske bedient, bis am Ende der Unhold von der Schar der Akteure in den Würgegriff genommen wird. 

 

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