Samir Akika gilt als der Cineast unter den zeitgenössischen Choreografen. Eigentlich wollte er zum Film. In seinen früheren Arbeiten verband er Tanz mit Kino zu einem ganz eigenen Genre. Er spielte mit der Intimität der Live-Kamera, die es ihm erlaubte, Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeigen und mehrere Räume gleichzeitig auf die Bühne zu bringen. Das Freibad-Spektakel „Didjelli“ (2001) und die Gangster-Komödie „22, Boulevard La Fayette“(2002) wurden große Erfolge.
Der Zufall ist Samir Akika immer ein guter Freund gewesen. Sein Lebenslauf ist so außergewöhnlich wie das Werk. Geboren in Algier, aufgewachsen in Paris, will der Franzose zunächst Basketball-Profi werden und schafft es in die dritte Liga. Da verliebt er sich in ein Mädchen, das in seiner Freizeit Unterricht in Jazz-Dance nimmt. Erst sieht er ihr zu, später tanzt er mit. Akika geht nach Miami, USA, in das Land des Basketballs. Der Vater holt ihn zurück und verdonnert ihn zum Physik- und Mathestudium. Er langweilt sich, setzt ein Sportstudium durch, in dessen Rahmen er zeitgenössischen Tanz belegt. Der 26-Jährige sieht ein Video von Pina Bauschs „Frühlingsopfer“ und weiß plötzlich, was er wirklich will. Zufällig gastiert gerade das Wuppertaler Tanztheater in Paris. Akika lernt die Bausch-Protagonistin Malou Airaudo kennen, die ihm ein Studium an der Folkwang Hochschule in Essen vorschlägt. Sie wird ihm, wie er sagt, eine „zweite Mutter“.
Der Student tanzt bald selbst im „Frühlingsopfer“, wird Mitglied des Folkwang-Tanzstudios und macht erste choreografische Versuche. Schon die zweite Arbeit, „Geronimo“, eine ironische Sezierung der Gameshow-Welt, wird 2000 zur Tanzplattform nach Hamburg geladen. Für „Lilja“, eine Liebesgeschichte im Waschsalon, erhält er 2001 den Kurt-Jooss-Preis. Samir Akika startet durch, begeistert Publikum und Preisjurys. Dem Erfolgsdruck ist er nicht gewachsen: Nach Misserfolgen zieht sich der Nachwuchsstar auf Kuba zurück.
Ästhetisch runderneuert, meldet er sich zwei Jahre später mit „Loca Mierda“ (2006) zurück. In Südamerika hat er die jugendliche Subkultur als Sujet und ästhetische Perspektive für sich entdeckt. Aus der Sicht einer Streetgang inszeniert er seine Erinnerungen an Havanna. Erstmals lässt er die Folkwang-Vergangenheit hinter sich und choreografiert mit jungen kubanischen Tänzern eine Performance aus Streetdance und Akrobatik. Tanz als Lebensphilosophie und Überlebensstrategie. Seine Bühnenbilder siedelt er von nun an zwischen Studentenbude, Baustelle und Partykeller an.
Mit ihrer Vitalität, Originalität, Komik, aber auch Nachdenklichkeit kommen die dem Alltag abgeguckten Werke gut an. Samir Akika erhält die „Spitzenförderung“ des Landes Nordrhein-Westfalen. In seinen aktuellen Arbeiten ist er wieder näher an das Tanztheater herangerückt, ohne von der Subkultur zu lassen. In „Me and my Mum“ (2010) erzählen seine temperamentvollen Hip-Hop-Künstler, teilweise aus Lateinamerika, von dem Verhältnis zu ihren Müttern, erinnern sich an ihre Kindheit und Jugend. Die Produktion ist eine Hommage an das große Vorbild Pina Bausch. Auch cineastische Motive hat er eingearbeitet: Die Namen der Darsteller werden wie im Film als Vor- und Abspann auf einer Backsteinmauer eingeblendet. Der umtriebige Theatermacher hat alle Neigungen konsequent und überzeugend in einer Produktion vereint. Auch ein Basketballspieler dribbelt über die Bühne.