Roger Ballens „Fotografien 1969 – 2009“ im MARTa
22.04.12 bis 05.08.12

Susan Sontag hat einmal festgestellt, dass die südafrikanische Fotografie zu Zeiten des Aparthaidsregimes selbst dann noch hochgradig politisch gewesen sei, wenn sie keine politischen Sujets thematisiert habe. Das gilt auch für die Schwarzweiß-Fotografien des 1950 in New York geborenen Fotografen Roger Ballen, der sich zu keiner Zeit in der Tradition der sozialkritischen Dokumentarfotografie verortet hat. Obwohl Ballen die Kamera also nicht – wie viele seiner südafrikanischen Kollegen – im Sinne der „struggle photography“ als Waffe im Kampf um Menschenrechte gehandhabt hat, haben ihm seine Bilder Mitte der 1990er Jahre Morddrohungen eingebracht.

In den 1980er und 1990er Jahren reiste Ballen, der als Geologe nach Südafrika gekommen war, durch die Provinz des Landes, um in den „Dorps“, kleinen Gemeinden, und auf dem „Platteland“ zu fotografieren. Zunächst interessierte ihn die Architektur der Dörfer – der Abglanz der britischen Kolonialzeit. Auch die Bewohner proträtierte er. Doch verstörend wirkten vor allem jene Bilder, die Ballen für seine zweite südafrikanische Serie „Platteland“ anfertigte, entstanden Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre. Sie zeigen Tagelöhner, Dienstboten oder Minenarbeiter, die, historisch gesehen, zur selbsternannten Herrenrasse der Buren gehörten.

Auf Ballens wohl berühmtestem Foto blicken die Zwillinge Dresie und Casie Schulter an Schulter frontal in die Kamera. Entstanden ist die Aufnahme 1994 im Westen der südafrikanischen Provinz Transvaal. In dieser Zeit galt West-Transvaal als Hochburg des rechtsradikalen Widerstandes gegen die Abschaffung der Rassendiskriminierung. Die Ohren der beiden Männer stehen ab, ihre Hälse sind breiter als die schmalen Gesichter. Von den fleischigen Lippen tropfen Speichelfäden. Roger Ballens Kamera scheint die Zwillinge zu irritieren. Ihr Blick wirkt dumpf. Viele der „Platteland“- Fotos zeigen verängstigte, desorientierte Menschen, die geistig zurückgeblieben scheinen. Als provokativ wurden diese Porträts empfunden, weil sie nicht zum Selbstverständnis der weißen Bevölkerung passten, die sich doch über Jahrzehnte als Herrenrasse inszeniert hatte. Ballen hatte Menschen ins Bild gesetzt, die symbolisch für den Zustand des Ausgegrenztseins stehen. Doch wollte er das nicht als Kommentar zur südafrikanischen Umbruchszeit verstanden wissen, sondern als Einblick in die Natur des Menschen als solche.

Ballen selbst hat einmal die Verbindung zwischen der Geologie, seinem Brotberuf, und der Fotografie gezogen: Beide seien darauf angelegt, in die Tiefe vorzudringen, sei es die der Erde oder die der menschlichen Psyche. Ballens Fotografien legen Primitives und Ursprüngliches frei. Vor allem seine Serien „Outland“, „Shadow chamber“ und „Boarding House“, die seit Ende der 1990er Jahre entstanden sind, wirken unheimlich und bedrohlich. Spärlich bekleidete Männer posieren mit verdrehten Augen vor Ballens Kamera. Eine Frau mit Topfschnittfrisur und riesiger Brille lächelt schneidezahnlos unter einem Jesus-Bild in die Kamera. Wobei sich die Porträtierten selbst inszenieren und dabei mit Ballen interagieren.

Die Grenze zwischen Fiktion und Realität, surrealer Inszenierung und Authentizität wird mit jeder neuen Serie Ballens durchlässiger. Und der Mensch verschwindet als Sujet in „Boarding House“ nahezu gänzlich. Dafür integriert Ballen Malerei und Graffiti in seine theatral aufgeladenen Bilder, die Orte archaischer Riten kreieren, symbolisch aufgeladen durch Tiere und gezeichnete Fratzen an den Wänden. Ballens überwältigend expressiv Rätselbilder appellieren an etwas in uns, das sich rational kaum fassen lässt. Und deshalb gehen sie dem Betrachter nicht mehr aus dem Kopf.

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