Rezas und Polanskis „Gott des Gemetzels“

Ein Nerv liegt bloß. Einem Jungen wurde der Zahn ausgeschlagen, von einem Klassenkameraden. Weshalb bei den Eltern des Opfers und des Täters Krisenmanagement erforderlich wird. Es beginnt friedlich, als Treffen zur Schadensregulierung und Wiedergutmachung. Denn der Vorfall lässt sich nicht versicherungstechnisch abwickeln, er verlangt nach persönlicher Geste, Kommunikation, Aufarbeitung, sittlichem Ernst, pädagogischer Reife. Und nach Beherrschung atavistischer Rest-Regungen.

Für Menschen, die guten Willens und entsprechend sozialisiert sind, kein Problem. In der bürgerlichen Welt der Yasmina Reza regiert der Code Civil und nicht der blindwütige Trieb. Das gilt auch, wenn der Ort des Geschehens von Paris, wo das von Jürgen Gosch in Zürich auf Deutsch uraufgeführte Stück der Reza spielt, für Polanskis Verfilmung nach New York verlegt wurde. Inklusive Spaziergang durch Brooklyn. 

In „Der Gott des Gemetzels“ pocht unter der sorgsam kultivierten Außenhaut das rohe Fleisch. Schnell ist die sich windende, steigernde Mechanik des Stücks durchschaut. Man ahnt die Finten und fällt auf den Bluff bald nicht mehr herein, dass sich hier die Aufklärung über sich selbst aufklären könnte. Aber das ändert nichts an der Raffinesse der Konstruktion, die in die Entblößung und Selbstdemütigung führt. Das Konversationsstück erzählt nach allen Regeln der Kunst der Komödie nicht so sehr vom Rückfall in die Barbarei, sondern davon, dass kein Schutzmechanismus wirkt, kein Transfer gelingt, nichts mehr gilt und funktioniert. Nicht Solidarität des Geschlechts. Nicht Identifikation mit dem Ehepartner. Nicht die Gediegenheit eines Haushalts. Nicht Kulturleistungen, namentlich Bacon und Kokoschka, die nur zu Plattitüden taugen. Nicht soziales Engagement und politisch korrektes Verhalten. Nicht die Rhetorik der Besorgnis und überhaupt Verbindlichkeit. Vor allem nicht das Leben selbst. Die Fronten sind variabel, die Koalitionen wechselnd, die Dolchstoßlegenden hieb- und stichfest.

Mit engen Räumen und erstickenden Situationen ist Polanski vertraut, auch wenn hier Ekel, Terror, Wahn ausgeschlossen bleiben. Er hetzt einfach ein formidables Quartett aufeinander. Schuss-Gegenschuss, fertig: Christoph Waltz als am Handy hängender Businessmann medisiert zynisch, Kate Winslet ist zum Kotzen und speiböse, John C. Reilly hemdsärmelig gutartig, Jodie Foster wird von der Mater Dolorosa des Weltschmerzes zur Hysterikerin. Mehr ist nicht, wenn das Kino Theater macht.

 

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