Tiere finden sich ziemlich oft in den Titeln der Bücher von Ralf Rothmann: „Stier“, „Ein Winter unter Hirschen“ oder „Rehe am Meer“. „Shakespeares Hühner“, der Titel seines aktuellen Erzähl-Bandes, ist hingegen eigentlich ein Missverständnis. Gemeint waren die Hünen, aber Fritzi las falsch, weil ihr das Wort unbekannt war. Das Mädchen sollte die Desdemona im Schultheater spielen, Dinah, die ihr dann im Umkleideraum den ersten Kuss geben würde, der nicht nur auf den Lippen zu spüren war, den Othello. Nach Ende der Schule sind die beiden auf einem Trip durch Südfrankreich, wo ihnen ihre Liebe abhanden kommt. Und Fritzi begreift, dass an Shakespeares falschen Hühnern auch etwas Wahres ist, denn: „Verglichen mit den Sorgen und Nöten seiner finsteren Gestalten sind wir eigentlich nur Hühner oder? Shakespeares Hühner. Wir machen ein unglaubliches Gegacker um lauter Kram – Prüfungen, Lockenstäbe, Handymarken, Geld –, und wissen insgeheim doch alle, dass es nicht das Wahre ist. Dass nichts das Wahre sein kann hinterm Hühnerdraht.“
In Rothmanns Erzählungen stehen auch diesmal die Schwachen, Verletzten, aus der Bahn Geworfenen im Mittelpunkt – die Rothmann-Themen wie Scheitern, Einsamkeit, Sehnsucht, Liebe und Tod. Der Wahl-Berliner, der in der Ruhrgebiets-Triologie „Stier“, „Milch und Kohle“ und „Wäldernacht“ vom Aufwachsen im Ruhrgebiet in den 60er Jahren schrieb, kehrt mit einer Erzählung nochmals dorthin zurück, ansonsten sind die aus der Zeit gefallenen, melancholischen Ränder Berlins wie Karlshorst oder Friedrichshain Kulisse für Rothmanns nüchterne Poesie. Oder aber Paris, in der ersten Erzählung „Abschied von Montparnasse“: Es ist der letzte Tag für eine Businessfrau in der französischen Metropole; in einer Bar nimmt sie, still und nur für sich, Abschied von der Stadt. Am Nebentisch sitzt ein Mann – randlose Brille, Nadelstreifenanzug, alte Wanderschuhe –, sein Hut ist gefüllt mit Pilzen. Nicht nur die Frau fragt sich, wie er mitten in der Stadt „wo man die Metro unter den Füßen fühlte, an einen Hut voller Waldpilze kam“.
Altstadt-Buchhandlung Ratingen | Lintorfer Straße 15 | 40878 Ratingen
Tel: 02102/ 24879 | Email: info@buchhandlung-ratingen.de | Website: http://www.buchhandlung-ratingen.de
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