Ralf Rothmann

 

Der erste Satz ist ja bekanntlich immer am schwersten. Zumindest für Schriftsteller. Ralf Rothmann ist einer der großen Meister des Beginnens. „An dem Tag, an dem mir auffiel, dass es nichts Zufälliges mehr gibt, war die Jugend vorüber.“ So groß, wehmütig und vielversprechend setzte 1991 „Stier“ an, sein erster Roman. Mit „Stier“, „Wäldernacht“ oder „Milch und Kohle“ hat der 1953 in Schleswig geborene Ralf Rothmann wie kein anderer das Ruhrgebiet zu einem Ort auf der literarischen Landkarte gemacht. Rothmann selbst ist in der Umgebung von Oberhausen aufgewachsen, besuchte die Volksschule und machte eine Lehre als Maurer. Danach jobbte er, arbeitete als Fahrer, Koch, Drucker und als Krankenpfleger. Doch wer mit seinen Geschichten auf Reisen geht, wird schnell merken, dass das Ziel der Fahrt weder Essen, Oberhausen oder Berlin, sondern das ist, was der seit 1976 in der Hauptstadt lebende Schriftsteller als „Herzinnenraum“ bezeichnet.

Herr Rothmann, können Sie mir erklären, warum mich Ihre Bücher, in denen so viele groß angelegte Lebensentwürfe klein enden, so glücklich machen?
Rothmann: Lebensentwürfe, auch so ein Wort. Können wir wirklich unser Leben entwerfen? Wer sind wir denn? Irgendwo in einem meiner Bücher heißt es einmal sinngemäß: Was immer wir erreichen, es kann niemals so vollkommen sein wie das, was für uns vorgesehen ist... Ein Satz, der klüger ist als sein Autor, wie mir scheint. Und was die Sehnsüchtigen betrifft: sie werden vielleicht zu Grabe getragen – nicht aber die Sehnsucht. Die Sehnsucht nie. Vielleicht machen die Bücher Sie deswegen glücklich? 

„Kaum sind die Menschen erwachsen, werden sie krank. Wenn die Träume aufhören, fängt das Trauma an...“ heißt es in „Stier“.  Die Desillusionierung Heranwachsender spielt eine große Rolle vor allem in Ihren Ruhrgebietsromanen. Man könnte vermuten, dass Sie ein in diesem Sinne erwachsener Schriftsteller sind? 
Rothmann: Ich glaube, der Himmel über meinen Figuren ist doch blauer, als es Ihre Frage vermuten lässt. Und überhaupt, die Ernüchterung Heranwachsender zu beschreiben heißt doch nicht, dass man selbst ernüchtert ist, im Gegenteil. Das Leben ist zum Glück kein Reihenhaus. „... take a sad song and make it better.“ Ich glaube immer noch an die große Liebe, an die Kraft der Schönheit und die Möglichkeit eines menschlichen Miteinanders; ich werde manchmal nur etwas vergesslich, was diesen Glauben betrifft. Aber dann hilft mir die Poesie auf die Sprünge, etwa der von mir so geliebte Satz von Octavio Paz: „Doch, man soll Birnen von der Ulme verlangen!“ 

Die Vergangenheit, heißt es sinngemäß in „Stier“, beschützt vor den Zumutungen der Gegenwart. Ist es die Nostalgie, die Ihr Schreiben antreibt?
Rothmann: Na ja, manchmal vielleicht... Bevor etwas Erlebtes zur Erfahrung gerinnt, braucht es halt Zeit, jedenfalls bei mir. Und Erfahrung ist die Essenz meiner Sätze, nur sie gibt ihnen Spannkraft und Farbe. Doch hoffe ich, dass ich die Vergangenheit nicht verkläre; das würde ich mir übel nehmen. Tatsächlich ist es aber so, dass es so etwas wie Heimweh in den Texten gibt, in hauchzarten Schwingungen. Dabei weiß ich selbst nicht, wonach ich dieses Heimweh habe. Jedenfalls nicht nach einem Ort, auf den man den Fuß setzen kann.  

„Der Sinn aller Lieder kann doch nur das Rühmen sein“, sagt eine Ihrer Figuren. Sind „Stier“, „Wäldernacht“ und „Milch und Kohle“ Elegien oder tatsächlich Hymnen auf die darin geschilderte Region und die dort lebenden Menschen?
Rothmann: Die Region ist mir ehrlich gesagt nie so erwähnenswert vorgekommen wie vielen Lesern. Ich bin halt dort aufgewachsen, und da meine Romane mehr oder weniger autobiografisch getönt sind, raucht schon mal der eine oder andere Schlot zwischen den Zeilen. Aber wichtig ist das nicht. Der Ort der Literatur ist nicht New York oder Hanoi oder Essen-Rüttenscheid. Das Wesentliche meiner Bücher passiert – hoffentlich! – im Herzinnenraum des Lesers. Und dahin versuche ich zu gelangen, indem ich einfach von meinen Erfahrungen spreche – ohne hymnische oder elegische Verzerrungen.

Sind Sie mit dem Ruhrgebiet fertig?
Rothmann: Das Ruhrgebiet ist überall; auch hier in Berlin gräbt man sich täglich den Boden unter den Füßen weg.

So sehr unterscheidet sich das Berlin in Ihren Büchern ja auch nicht von den Schilderungen des Ruhrgebiets. Eigentlich hat man nicht unbedingt das Gefühl, dass die Figuren in jener Stadt leben, die die Vorabendserien und Trendmagazine als unentwegt bewegte Hauptstadt des 21. Jahrhunderts inszenieren. Spielen sich die erzählenswerten Geschichten jenseits der Geschichte ab? 
Rothmann: Das Trend-Berlin, von dem Sie sprechen, ist ja nicht die Geschichte; es ist der Versuch, sich vor Geschichte zu drücken. Und die findet immer noch in den Hinterhöfen statt, in den Plattenbauwohnungen der Sozialhilfeempfänger und in der Verzweiflung derer, die nicht wissen, wie sie den nächsten Tag bestehen sollen. Literatur, die erwähnenswert ist, erzählt von den Leiden der Menschen und weckt und erhält so die Fähigkeit zum Mitleiden, glaube ich. Und nur dann ist auch ein Segen dabei, dann wird sie inspiriert sein und nicht bloß ausgedacht. 

Sie sprechen  von „Vorsehung“ und von „Segen“ – klingt da eine religiöse Grundmelodie an? 
Rothmann: Wenn Sie die hören wollen... Aber Religion ist doch eher eine Veranstaltung für Gottlose, oder?

 

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Der Mann war Bademeister („Nich’ mittat Eis am Beckenrand! Machse dat zuhause auch!?“), Baumarktleiter, Moderator der „Pop-Ecke“ und einer von zwei betrunkenen, pöbelnden Vertretern an der Hotelbar, die sich nach den gröbsten Beleidigungen wieder konsequent versöhnten: „Nehm wa noch ein? Ja sicha!“. Fritz Eckenga gehörte damit lange zum Musik-Comedy-Ensemble des „Rocktheater N8schicht“;

Fritz Eckenga in den Flottmannhallen

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„Leb im Ballungsgebiet, das an Druckstellen wie Fallobst aussieht“ – diese Zeilen aus einem Text der Rapper „RAG“ (Ruhrpott AG) waren das Thema des 2. Ruhrgebietsliteraturwettbewerbs. Die Resonanz war groß, 165 Texte wurden eingeschickt, und das nicht nur aus dem Ruhrgebiet selbst, sondern auch aus Wien, Hamburg, Berlin Leipzig und Neukirchen-Vluyn.

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„Leb im Ballungsgebiet, das an Druckstellen wie Fallobst aussieht“ – diese Zeilen aus einem Text der Rapper „RAG“ (Ruhrpott AG) waren das Thema des 2. Ruhrgebietsliteraturwettbewerbs. Die Resonanz war groß, 165 Texte wurden eingeschickt, und das nicht nur aus dem Ruhrgebiet selbst, sondern auch aus Wien, Hamburg, Berlin Leipzig und Neukirchen-Vluyn.

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