Ein Mann ohne Gesicht, aber mit einem Lied: „Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck!“ Das kleine Elektro-Stück fand sich auf einer CD, die dem Musikmagazin „Spex" beigelegt war. Vorher hatte PeterLicht das Stück auf seiner EP „Sechs Lieder" veröffentlicht – unbemerkt von der Öffentlichkeit. Die September-Spex brachte den Stein dann 2000 ins Rollen. „Sonnendeck“ erreichte bei den Jahreslesercharts den zweiten Platz, nur Madonnas „Music" blockierte die Spitzenposition. Daraufhin spielten Radiosender wie die österreichische Popkulturwelle „FM4“ das Lied direkt von der Heft-CD, da die EP längst vergriffen war. „Sonnendeck“ trällerte sich bis zum Jahr 2001 durch die Radiosender, wurde auf dem Album „Stratosphärenlieder“ wiederveröffentlicht und avancierte zum Indie-Sommerhit.
Wer sich aber PeterLicht, der anfangs auch unter dem Namen Meinrad Jungblut auftrat und ansonsten als Werbetexter arbeitete, als Posterboy an die studentischen WG-Wände hängen wollte, wurde enttäuscht: Kein Bild, nirgends. Stattdessen wanderte im „Sonnendeck“-Videoclip ein blauer, klappriger Bürostuhl in Stop-Motion-Technik durch Köln und Umgebung und traf dabei auf Topfpflanzen, Menschen und Rapsfelder. Der öffentlichkeitsscheue Musiker indes tauchte nicht auf, auch nicht in den Medien. Dieses Konzept der Verweigerung hat der Kölner lange durchgehalten, so ließ er sich bei einem Auftritt in der Late-Night von Harald Schmidt ausschließlich von den Schultern abwärts filmen. Als er 2007 den Publikumspreis des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs für seinen Text „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ bekam, wurde er nur von hinten gefilmt; zur Preisverleihung schickte er einen Stellvertreter. Auch die aktuellen Pressefotos behalten dieses Prinzip bei. Vorbei fliegende Tauben, Zeitungsfetzen und Kaffeetassen verdecken immer ganz gezielt den entscheidenden Teil des Bildes – den Kopf des Künstlers.
Ein Mann ohne Gesicht, aber nicht ohne Eigenschaften. Eines seiner Alben heißt „Melancholie und Gesellschaft", und man ahnt, wer für die Melancholie steht. Die Musik ist mittlerweile weniger elektronisch, akustische Gitarren stehen im Vordergrund, die bei Bedarf aber auch mal laut und zornig werden dürfen. Seine Themen sind der Mann Mitte 30 in Konfrontation mit der Welt, Selbstvergewisserung, Kapitalismuskritik und, natürlich, die Liebe. Wobei alles mit allem zusammenhängt. Sein Lied zur Krise kam aber zu früh: „Das Lied vom Ende des Kapitalismus" fängt mit den Worten „Hast du schon gehört, ...?“ an. Kein Kampflied, sondern ein Rückblick – lakonisch, leise und innerlich lächelnd. Auf der Platte „Das Ende der Beschwerde" macht er ähnlich weiter und sucht einen geeigneten Ort für seine Kommunikationselektronik und findet ihn: „Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses".
Bücher schreibt der Mann seit seinem Erfolg in Klagenfurt auch. „Wir werden siegen!“ kann als Skizzensammlung gelesen werden - voller Kritzeleien, Notizen und Geschichtsanfängen, die später auf „Melancholie und Gesellschaft" zu Songtexten verarbeitet wurden. Neben Literatur, Musik und Fotos, auf denen er nicht zu erkennen ist, macht PeterLicht auch Theater. Anfang 2009 veranstaltete er das Festival „Vom unsichtbaren Menschen" an den Münchener Kammerspielen. Ein Ritt quer durch die Disziplinen mit Theateraufführungen, Konzerten und Lesungen. Eines der Stücke, die er auf die Bühne brachte, trug den Titel „Räume räumen“ und basierte auf dem gleichnamigen Lied. Da heißt es: „Lass uns glücklich sein / oder verschwunden sein“. Man kann sich denken, wofür sich der Melancholiker mit der Gitarre entscheiden wird.