Ödön von Harváths „Zur schönen Aussicht“ im Opernhaus
05.07.12 19:30

Im Vergleich zu seinen berühmten späteren Arbeiten wird Ödön von Horváths frühe, um den Jahreswechsel 1926/27 herum entstandene Komödie eher selten gespielt. Dabei sind Konstellationen und Motive, Themen und Überzeugungen, die etwa „Kasimir und Karoline“ und „Die Geschichten aus dem Wiener Wald“ prägen, schon vorgezeichnet. Nur geraten sie in der Welt des heruntergekommenen Provinzhotels „Zur schönen Aussicht“ noch unvermittelt aneinander. Das Verhältnis zwischen Albernheit und Aussichtslosigkeit, Sentiment und Sarkasmus, ist prekär und kaum in der Waage zu halten. Die Flucht ins Absurde und Burleske, wie sie Martin Kloepfer mit seiner Inszenierung im Wuppertaler Opernhaus antritt, drängt sich da auf.

Vielleicht hat das in den bayrischen Voralpen gelegene Hotel einmal bessere Tage gesehen. Doch davon ist nichts geblieben. Nun wellt und hebt sich der Boden im Speisesaal (Ausstattung: Oliver Kosecka). Die Stühle brechen schon mal unter den Gästen zusammen. Tischdecken gibt es kaum noch. Und die Aussicht versperrt ein seltsamer Kubus ohne Nutzen, in demdie einzige Unverdorbene, Anne-Catherine Studers mädchenhafte Christine, verschwinden wird.

Eigentlich bliebe dem erfolglosen Filmstar und Autoschieber Strasser (Holger Kraft), der auch als Hotelier gescheitert ist, nur der Bankrott. Aber davor bewahrt ihn und sein Personal, den Kellner Max (Thomas Braus) und den Chauffeur Karl (Heisam Abbas), eine reiche, ziemlich derangierte Baronin. Die Freifrau von Stetten, die ihren ruinierten Zwillingsbruder Emanuel (Marco Wohlwend) zum Spaß im Ungewissen über sein Schicksal lässt, gefällt sich als preziöse Tyrannin.

Einmal sagt Ada von sich, dass sie ein Mann, ein Cäsar oder Nero, hätte werden sollen, und gebärdet sich wie eine Tingeltangel-Cleopatra. Keine Geste ist ihr zu groß, kein Ton zu pathetisch. Aber gelegentlich fallen die Überspanntheiten und Manierismen von ihr ab. Dann strahlt Sophie Basse eine Verlorenheit aus, wie sie allen in dem Hotel eigen ist. Sie mag der von Männern umschwärmte Star der Untergangsgesellschaft sein. Aber es ist nur ihr Geld, das die Verelendeten und Verzweifelten ihr zutreibt. In dem Moment, in dem Strasser und die anderen begreifen, dass die überraschend angereiste Christine keine Bittstellerin, sondern wohlhabende Erbin ist, lassen sie Ada fallen. Das Geld ist der neue Gott. Soweit konnte es nur kommen, weil auf den „lieben Gott“ – wie Christine sagt – halt „kein Verlass“ ist.

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