Sie selbst hat es erkannt – und zutiefst beklagt: Ihr Werk sei auf eine einzige Ausdrucksform reduziert worden, so Niki de Saint Phalle. Drall, bunt und unbekümmert verstellen ihre kolossalen Polyester-Frauen, kurz Nanas genannt, bis heute den Blick auf ein Werk, das einiges mehr bereithält als üppige Weiblichkeit in den allerschönsten Farben.
Gut, dass das Max-Ernst-Museum die endlos reproduzierten, inzwischen als Nippes allgegenwärtigen Geschöpfe nun an den Rand rückt. Mit gut 80 Werken überblickt die Ausstellung dort 45 Schaffensjahre – weit wichtiger als die fülligen Frauen nimmt sie dabei das selten gesehene, durchaus überraschende Frühwerk der 2002 verstorbenen Künstlerin.
Verspielte, naive, märchenhafte Bilder sind das. Vor meist tief schwarzem Grund scheint Niki de Saint Phalle hier nicht zuletzt die dunklen Seiten ihrer Phantasie auszuleben. Man sieht Männer, Mütter, Monstren. Vergitterte Häuser und verfinsterte Sonnen. Märchenschlösser, Schlangen, wuchernde Gärten unter wild getropftem Sternenhimmel.
So sehen die malerischen Reflexe eines schweren Nervenzusammenbruchs aus, den Niki de Saint Phalle 1953 erlitt. Die attraktive Frau aus adeligem Hause war Anfang zwanzig und hatte eine abgebrochene Model-Karriere in den USA hinter sich, als sie in einer psychiatrischen Anstalt in Nizza die Malerei als Mittel entdeckte, mit dem Trauma des Missbrauchs durch den eigenen Vater fertig zu werden. Bei der ersten Ausstellung ihrer künstlerischen Therapie-Versuche in einem mittelmäßigen Speiselokal in Sankt Gallen begegnete Niki de Saint Phalle 1956 ihrem späteren Ehemann Jean Tinguely – der Schöpfer schrottiger Kunstmaschinen wird die Kollegin bald auf andere Gedanken bringen.
Statt Farben beginnt Niki de Saint Phalle um 1960, allerlei Krimskrams auf dem Bildträger zu komponieren. Die Ausstellung zeigt etwa „Monkey“, wo Plastikschippe und Plüschaffe, Schneebesen und Modelleisenbahn im Gips festsitzen. Neben solchen Kinderzimmer-Assemblagen entstehen bald recht rabiate Objektbilder, mit denen sie ihre Wut nun ohne Umschweife an die Wand bringt. Die Schau zeigt etwa „Sankt Sebastian oder Porträt meines Liebhabers“: Niki de Saint Phalle hat ein weißes Oberhemd samt Krawatte auf die Holzplatte geheftet, anschließend mit Nägeln durchbohrt und mit Farbspritzern übersäht. Anstelle des Kopfes sitzt eine mit spitzen Pfeilen gespickte Dartscheibe auf dem Kragen.
Ein ähnlich aggressiver Antrieb spricht aus den legendären Schießbildern – die Schau kann nur ein, noch dazu sehr kleines, Beispiel bieten. Mit dem Gewehr gar attackierte Saint Phalle hier den präparierten Bildträger, brachte dabei kleine, in den Gipsgrund eingelassene Farbbeutel zum Platzen. „1961 schoss ich auf Papa, alle Männer, kleine Männer, große Männer, bedeutende Männer, dicke Männer, Männer, meinen Bruder, die Gesellschaft, die Kirche, den Konvent, die Schule, meine Familie, meine Mutter, alle Männer, Papa, auf mich selbst, auf Männer“, so die Künstlerin. „Ich schoss, weil es Spaß machte und mir ein tolles Gefühl gab.“
Gleich buntem Blut rinnt die Farbe aus den getroffenen Beuteln herab. Bei Happenings im Hof hinter Tinguelys Atelier bewaffnet Saint Phalle gelegentlich auch geladenen Gästen. Solche Aktionen waren auf der Höhe der Zeit und kamen entsprechend gut an bei Kollegen wie Christo, Arman, Yves Klein oder Daniel Spoerri – als einzige Frau unter Männern lassen sie Saint Phalle im Kreise der "Nouveaux Réalistes" reüssieren. Einmal dort angekommen, wird sich die Künstlerin alsbald darauf verlegen, die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu bespiegeln. In ihren Objekten und Assemblagen verarbeitet sie nun gerne Küchengerät, große und kleine Plastikbabys, die sich wie Maden in weiblichen Drahtbüsten einnisten können.
Mitte der Sechziger scheint dann Schluss zu sein mit der Rebellion, die große versöhnliche Zeit der Nanas bricht an. „Nach den Woll- und Stoff-Nanas träumte ich von riesigen, bunten Nanas, die draußen, in der Mitte eines Parks oder eines Platzes stehen konnten“, sagt Niki deSaint Phalle. Sie habe sich gewünscht, dass ihre Nanas die Macht über die Welt übernehmen. Gar nicht so glücklich musste sie am Ende mit ansehen, wie sie die Macht über das eigene Werk gewinnen.
Max Ernst Museum | Comesstr. 42/Max-Ernst-Allee 1 | 50321 Brühl
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