„Nader und Simin“ von Asghar Farhadi
bis 22.05.12

Der iranische Regisseur Asghar Farhadi wurde in Berlin mit dem Goldenen Bären für „Nader und Simin“ ausgezeichnet. Es ist das erste Mal überhaupt, dass ein iranischer Film die Festival-Auszeichnung erhielt. Außerdem und völlig zu recht erhielt das weibliche und männliche Schauspieler-Ensemble dieses intensiven Ehedramas und Gesellschaftsporträts für seine Leistung auch noch den Silbernen Bären.

Nach der Verleihung sagte Farhadi in einem Interview, befragt nach seiner Methode, die Zensur zu umgehen: Die Kunst bestehe darin, Filme so zu gestalten, dass die Regierung gar keinen Grund bekomme, sie zu zensieren: Man müsse die Themen subtil behandeln und mehrschichtig sein. 

Dokumente liegen unter einem Kopierer und werden vervielfältigt.. Papierkrieg – für den Termin beim Scheidungsrichter. Ein Mann und eine Frau wünschen die Trennung. Warum? Sie will ins Ausland, er will bleiben. Der Ausreiseantrag wurde bewilligt, das Visum erteilt. Der Grund ist, dass Nader seinen an Demenz erkrankten Vater nicht allein lassen will. Simin aber will die Tochter unter diesen Umständen nicht aufwachsen lassen. Das Nachhaken des Beamten, welche Umstände sie denn wohl meine, bleibt unbeantwortet. 

Farhadi versteht es meisterhaft, Dinge in der Schwebe zu halten – und dabei die gesellschaftlichen Zustände in seiner Heimat umso schärfer zu sezieren. Indem er mit größter  Sorgfalt und analytischer Intelligenz den Konflikt zweier Familien in all seinen fatalen Konsequenzen untersucht, entfaltet sich ein Panorama der politischen, sozialen und religiösen Verfasstheit des Landes, in dem Begriffe wie Scham, Stolz und Ehre zentral sind. 

Simin zieht zu ihren Eltern, Tochter Termeh entschließt sich vorläufig, beim Vater zu bleiben. Nader stellt eine Frau an, die sich um den Haushalt und die Versorgung des hilflosen Patienten kümmern soll. Doch die strenggläubige, in den Schador gehüllte Razieh dürfte eigentlich gar nicht in der Wohnung eines fremden Mannes sein, den sie noch dazu nackt zu sehen bekommt, und dessen Körper sie berühren muss. Razieh will sich beim Mullah vergewissern, ob das Gesetz diese Notsituation berücksichtigt, ob eine Ausnahme von der Regel möglich sei. Ihrem Mann Hodjat verschweigt Razieh die moralisch unreine Arbeit, die sie aus materieller Not annimmt. Zudem ist sie mit einem zweiten Kind schwanger. 

Das ohnehin labile Konstrukt bricht entzwei, als Nader bemerkt, dass Razieh fahrlässig seinen Vater allein gelassen und womöglich Geld gestohlen hat. Wütend wirft Nader sie ziemlich grob raus. Razieh behauptet, von ihm geschubst worden und draußen vor der Tür die Treppe herab gestürzt zu sein – im Krankenhaus erleidet sie eine Fehlgeburt. Ihr Mann Hodjat ist außer sich, verklagt Nader, bedroht seine Familie, fordert Blutgeld. Man trifft sich vor Gericht. 

Das Verschulden, das verhandelt wird, ist juristisch kaum zu fassen, sondern entstand aus einem komplexen Geflecht aus Verschweigen und Lüge, Angst, Zwängen und Tabubrüchen. Aus lauter Einzelfäden hat sich ein unauflöslicher Knoten gebildet. Farhadi betrachtet die unvermeidliche Tragödie mit psychologischer Präzision, indem er fein abwägt und jedem der Beteiligten verständnisvoll begegnet. Er urteilt nicht, er stellt fest. Und schafft mit dieser Methode ein faszinierendes Meisterwerk.

 

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