Molières „Der Geizige“ im Schloss
19.01.13 19:30

Genau so stellt sich der Schriftsteller Daniel Kehlmann das deutsche Regietheater vor, genau so hat er es 2009 in seiner larmoyanten Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele beschrieben: Ein egomanischer Regisseur verkündet, dass im Theater keine Geschichten mehr erzählt werden könnten und folglich auch Molière nicht mehr gespielt werden könne. Stattdessen braucht es Dekadenz und Dekonstruktion, Peter Sloterdijks Essay über „Die Revolution der gebenden Hand“, ein paar Bruchstücke aus dem „Geizigen“, der Komödie über einen Vater, seine Kinder, über Ehevermittlung, verstecktes Gold, Alter und Jugend, Geiz, Lust und Liebe. Und – als  Clou – eben Kehlmanns Rede. 

Schon können die vier Schauspieler und ihr Regisseur, der auch noch die Rolle des Harpagon spielt, ihre Texte heraus schreien, sich lasziv räkeln und hysterisch herumfuchteln, sich mit Kunstblut besudeln und mit Essen herumschmieren. Zwischendurch werden noch Pizzen beim Lieferservice bestellt, dessen Bote mit echtem Geld bezahlt wird. Deswegen hatte der Regisseur ihn schließlich kommen lassen, um dem Publikum zu beweisen, dass die 5.000 Euro auf der Bühne keine Attrappe und kein Spielgeld sind.

Es gibt wirklich kein Regietheater-Mittel und Klischee, dass dem Regisseur Philipp Preuss an diesem Abend im Moerser Schloss zu abgegriffen oder zu banal wäre. Aber genau so muss es auch sein. Schließlich inszeniert er Molière als Lese- und Konzeptionsprobe. Und landet genau bei dem Paradoxon, das Kehlmann in seinen ansonsten absurd wertkonservativen und von gekränkter familiärer Eitelkeit erfüllten Ausführungen als das Wesen des Theaters aus macht: Alles ist Spiel und doch ganz wahr, alles geschieht nur in einem einzigen vergänglichen Moment und ist doch die Wiederholung von etwas immer Gleichen.

Am Ende der knapp zweistündigen Exkursion durch die Abgründe des von Kehlmann so gefürchteten deutschen Theaters, die zugleich auch dessen Höhen sind und umgekehrt, rezitiert jeder der Schauspieler gerade diese Passage aus der berüchtigten Rede. Dabei passiert immer das Gleiche, ein anderer lässt einen Stift fallen und hebt ihn wieder auf, aber jedes Mal ein wenig anders. Die Mittel des „Regietheaters“ – Preuss setzt diesen Begriff und die ihm bezeichnete Form schon durch die Probensituation in Anführungsstriche – werden transparent und gerade dadurch magisch.

 

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