„Midnight in Paris“ von Woody Allen

Kann man Paris noch so zeigen? Mit all den Bilderbuch-Ansichten, die schon derart oft fotografiert wurden, dass sie eigentlich verschwunden sein müssten. Beinahe könnte man um das originelle Regie-Auge von Woody Allen fürchten, wenn es am Anfang von „Midnight in Paris“ Moulin Rouge, Louvre, Arc de Triomphe, Eiffelturm, Notre Dame und so weiter aus der Standardperspektive betrachtet und „abknipst“. Aber es spiegelt nur ironisch die Naivität amerikanischer Touristen und Kultur-Amateure. Sonst wäre das Klischee dieser Stadt auch höchstens noch in Schwarzweiß zu ertragen, so wie Allen damals am Hudson sein Manhattan zur Rhapsody in Blue aufnahm?

Allens Filme sind mittlerweile immer auch eine Promenade durchs eigene Werk. Das gilt hier ebenfalls. Denn es ist ja nicht so, als hätte Woody Allen das erste Mal in Paris gefilmt – nach New York, London und Venedig seinem liebsten Drehort. 1996 in „Everyone say I love you“ tanzten Goldie Hawn und Alan Alda am Seineufer und sie hob dabei – wie Mary Poppins – in die Luft ab. Das Pariser Flair steigt halt zu Kopf. 

Ähnlich ergeht es nun dem jugendlichen Helden, dem amerikanischen Drehbuchautor Gil, den Owen Wilson in blonder Arglosigkeit gar nicht als Alter Ego Allens spielt. Mit seiner Verlobten, einer verwöhnten und prosaischen höheren Tochter, samt deren Eltern absolvieren sie das Touristenprogramm. Die Interessen sind kaum kompatibel. Und die Phantasien auch nicht. Man geht gern mal getrennte Wege. Während Gil sich allein verlaufen hat und sein Hotel nicht finden kann, schlägt die Uhr zur Geisterstunde. Um die Ecke biegt ein Peugeot, stoppt vor dem einsamen Romantiker, und die altmodisch gewandeten Passagiere – aufgekratzt und  champagnerselig – fordern ihn auf, einzusteigen.

Der Oldtimer macht nicht etwa für eine Nostalgiefahrt mobil, sondern ist ein echtes Traumvehikel. Und schon sind wir im Paris der Zwanziger, wo Gil, der an seinem ersten Roman arbeitet, sich geistig heimisch fühlt: Surrealisten, Literaten, Genies, freiwillig Emigrierte. Die Lost Generation in  splendid isolation. Epochal.

Gil traut seinen Augen nicht. Sind das nicht, nein, aber das kann nicht sein: das glamouröse Paar – Zelda und F. Scott Fitzgerald? Daneben hockt Cole Porter am Klavier und singt einen späteren Evergreen. Hemingway gibt nicht nur literarisch gute Ratschläge; Gertrude Stein liest Gils Manuskript; Picasso, Dalí, Buñuel, Modigliani, Man Ray führen das Leben und Lieben der Bohème vor. Jede der Zelebritäten erfüllt die Eigenschaften, die wir von ihr erwarten. Der kernige Hemingway fordert „saubere, ehrliche Prosa“. Der irre Dalí fabuliert von einem Rhinozeros. Mother Stein, hinreißend wuchtig verkörpert von Kathy Bates, residiert inmitten der Gemälde, die einmal die klassische Moderne sein werden.

Woody Allen, der einstige Sozio-Komiker der jüdisch intellektuellen Ostküste, schert sich schon längst nicht mehr um Realismus, in seinen Filmerzählungen kann ein antiker Chor im Central Park deklamieren, ein Filmstar von der Leinwand herabsteigen, eine Ermordete ihrem Mörder in der Küche erscheinen. Die Wand zwischen Wirklichkeit und Imagination ist bei ihm poröser als Zelluloid. Auch der Mythos Paris passt durch diese zarte Membran. 

Dass Carla Bruni einen Gastauftritt hat, ist nicht weiter erwähnenswert. Interessanter schon, dass eine Künstlermuse, Adriana (Marion Cotillard), auftaucht, die ihrerseits die Belle Epoque adoriert. Gil und sie verlieben sich – und landen nach einem weiteren Zeitsprung in einem Revuetheater, an einem Tisch mit Toulouse-Lautrec. „Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen“, wird William Faulkner zitiert.

Das Vergangene ist nicht nur nicht tot. Es ist auch stets besser als die Gegenwart. Auch sprach-hygienisch. Die toten Unsterblichen kennen nämlich noch keine „Art-Groupies“ und wissen nicht zu „daten“. Schön und amüsant zuzuschauen, wie Woody Allen sich dem alten Europa anverwandelt – oldfashioned und als Schlemihl – und dabei doch sehr amerikanisch bleibt. 

 

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