Die Feuerwehr bricht die Wohnungstür auf, die Männer tragen Masken vor den Nasen und öffnen alle Fenster. Im Schlafzimmer finden sie den Leichnam einer alten Frau, schön hergerichtet und mit Blumen bestreut. Das musste „Liebe“ sein.
Michael Hanekes Filme handeln von Zerstörung. Es ist, als würde in einen Wirtskörper ein Bazillus dringen und ihn, je nachdem, mit sanfter oder roher Gewalt vernichten. Brutal in „Funny Games“, obsessiv in „Die Klavierspielerin“, subtil und privat in „Cache“, kollektiv historisch in „Das weiße Band“. Und da helfen nicht Kunst und Kultur noch Bildung und zivilisatorische Leistung, kein Beethoven und Schubert, nicht die Literatur und kein Gebet. Das Andere, was immer es sein mag, ist stärker.
In Hanekes neuem Film, der schlicht und definitiv „Liebe“ heißt und in Cannes nur drei Jahre nach „Das weiße Band“ ebenfalls mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, begegnet uns die Zerstörung des Alters. Das zweistündige Kammerspiel über Georges und Anne, um die 80 und Musikprofessoren im Ruhestand sind, enthält eine Szene, die wiederum davon erzählt, was die Tröstung der Kunst vermag – oder eben nicht vermag. Anne sitzt am Flügel, Georges hört ihr vom Sessel aus zu. Es erklingt Franz Schuberts Impromptu opus 90 / Nr. 3. Nach einer Weile greift er hinter sich ins Regal und stellt den CD-Player ab. Georges hatte geträumt. Anna hatte nicht gespielt. Die Noten sind ihr entschwunden. Sie hat keinen Begriff mehr davon. Begabung, Wissen, Bewusstsein erlöschen.
Der österreichische Regisseur ist ein bürgerlich feinsinniger Untergrundkämpfer, der soziale Ordnungen befragt – vom Rand aus herausgehobener Position: der idealen Beobachter-Perspektive. Auch in „Liebe“ bleibt der Filmemacher der nüchterne Betrachter, der die Kamera von Darius Khondji positioniert und sie still und streng durch Flure, Räume, Durchlässe der weitläufigen Wohnung blicken und sich bewegen lässt.
Das unerbittlich Unsentimentale erst bildet die Basis für die emotionale Wucht, für den Schmerz, auch das zärtliche Gefühl, das Haneke uns zufügt. Auch dank seiner grandiosen Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva. Das zarte Miteinander des Paars, ihre Zuwendung und Hingabe, die Nähe dieser zwei sich im Tiefsten erkannt habenden Menschen, die Seelenpein, mit der er angesichts von Annes körperlicher und geistiger Entkräftung nach einem Schlaganfall und Klinikaufenthalt die Stadien des Verfalls – bis zu ihrem Tod durchleidet, vereint sie in einer exklusiven Beziehung. Die auch Tochter Eva (Isabelle Huppert), die gelegentlich aus dem Ausland zu Besuch kommt, verschlossen bleibt. Sie kann und will vielleicht auch nicht begreifen, was vorgeht. Die anderen – Eva, ein ehemaliger Schüler und nun zum Klaviervirtuosen avanciert, die Pflegekräfte –, wir anderen sind Zeugen und außen vor.
Der Isoliertrakt als letzter Ort von Autonomie: Georges und Anne kapseln sich ein, Kommunikation bricht ab. Zu einer Taube, nicht zuletzt auch Symbolgestalt höherer Wesenheit, nimmt Georges Kontakt auf. „Ist hier jemand?“, ruft Georges einmal in die leeren Zimmerfluchten hinein.


