Martin Schläpfer

Martin Schläpfer hat sich seinen Platz auf dem Olymp der zeitgenössischen Choreografen gesichert. Doch er selbst erlebt sich als künstlerisch heimatlos, befindet sich nach wie vor auf der Suche nach einer Ästhetik für das 21.Jahrhundert. Den Zuschauer mag das wundern, denn seine Ballette, die sich um eine neue Sicht auf die alte Kunstform bemühen, sind doch allesamt vollendete, stilsichere Werke. Keine Arbeit ist ihm bisher wirklich misslungen.

Der Erneuerer der neoklassischen Tanzkunst kam im Jahre 2009 als Chefchoreograf und Ballettdirektor vom Staatstheater Mainz an die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg. In Mainz hatte er innerhalb von zehn Jahren aus einer Provinztruppe eines der wichtigsten Ensembles Deutschlands geformt und selbst als Tanzschöpfer internationales Ansehen erworben. Im Rheinland trat er mit dem Ziel an, eine der weltweit besten Kompanien mit unverwechselbarem Profil zu schaffen. Bei einem zurückhaltenden Künstler wie ihm klingen solche Pläne nicht nach Überheblichkeit, sondern nach Ehrgeiz, nach Berufung.

In Düsseldorf/Duisburg wurden nach anfänglicher Euphorie kritische Stimmen laut, denn die Uraufführungen so schwieriger Werke wie „3. Sinfonie“ zu Witold Lutoslawskis gleichnamiger Komposition und „Neither“ zu Morton Feldmans Ballettoper mit einem Text von Samuel Beckett polarisierten. Sie zeigen einen  risikofreudigen Künstler auf dem Gipfel des zeitgenössischen Balletts. Die kryptische Architektur, die akademisch-kriegerische Ästhetik, die Zweifel am Dasein und die schwermütige Menschheitsvision faszinieren und verstören zugleich.

Martin Schläfers Werk basiert auf einer abstrakten Neoklassik im Sinne George  Balanchines, die er in die Gegenwart überführt hat. Er ist ein viel zu ernsthafter Choreograf, um sich von der Musik zu vordergründigen Effekten oder Pathos verleiten zu lassen. Konventionelle Stilistik ist von ihm nicht zu erwarten, jedes einzelne seiner Werke besticht durch Bewegungsintelligenz. Die Musik ist es, die seine choreografische Fantasie anregt. Kritisch, so Schläpfer einmal selbst, punktiere er das Herz einer Komposition und beantworte sie mit einer Gegenwelt. 

Dabei ist Schläpfer ein überaus vielseitiger Tanzschöpfer. Er ist nicht nur der intellektuelle Grübler, er kann auch durchaus heiter und humorvoll sein. Über Ballette wie „Appenzeller Tänze“ (2000) oder das Strauß-Stück „Marsch, Walzer, Polka“ (2006) lässt sich genüsslich schmunzeln. Von beglückender Leichtigkeit sind „Pezzi und Tänze“ (2008) oder das flirrende Solo „Ramifications“ (2005). Und doch schwingt immer ein Hauch von Wehmut mit.

Denn der Sohn einer Bauernfamilie aus dem Appenzeller Land ist ein überaus nachdenklicher Mensch. Durch und durch Perfektionist, verlangt er viel – am meisten von sich selbst. Seine Kunst ist tief empfunden und erzählt über das Menschsein, auch wenn sein reduzierter Stil abstrakt, allenfalls episodenhaft gehalten ist. In „Forellenquintett“ (2010) zur Musik Franz Schuberts ist Schläpfer seinem Vorhaben, einmal ein Handlungsballett zu kreieren, einen kleinen Schritt näher gekommen. Darin hat es ein Angler auf ein tanzendes Fischlein abgesehen.

Martin Schläpfer gehört zu den wenigen klassischen Startänzern, die sich als Ballettdirektoren zu herausragenden Choreografen mit eigener Handschrift entwickelt haben. Über die Musik, den Geigen-Unterricht und den Eiskunstlauf kam er zum Tanz. Erst mit 15 Jahren nahm er Ballettstunden, gewann aber bereits zwei Jahre später den Preis des besten Schweizers beim renommierten Prix de Lausanne. Heinz Spoerli engagierte ihn an sein Basler Ballett, wo er – mit einem Abstecher zum Royal Winnipeg Ballet in Kanada – acht Jahre lang als Erster Solist blieb. Der Schweizer tanzte auch in New York, Paris und schließlich in Bern. Hier begann er – sofort mit beachtlichem Erfolg – zu choreografieren.  Aus dem Ausnahmetänzer wurde ein Ausnahmechoreograf, der mit dem Mainzer Ballett Wunder offenbarte. Mit demselben Perfektionismus, mit derselben Beharrlichkeit, mit der er tanzte, kreiert Martin Schläpfer seine Ballette – und meißelt an einer Ästhetik für das 21. Jahrhundert.

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