Martin Kippenberger

Martin Kippenberger war als Künstler in keinem bestimmten Genre, sondern fast überall zuhause. Der 1953 geborene Dortmunder studierte in Hamburg nach einer gescheiterten Lehre als Schaufenster-Dekorateur Kunst bei Franz Erhard Walther und Rudolf Hausner. Nach dem Tod der Mutter zog es ihn 1978 nach Berlin, um seine Karriere zu forcieren. Am Kreuzberger Sehitzdamm bezog er ein 600 Quadratmeter-Loft, das als "Kippenbergers Büro" Kunstgeschichte machte. Nach dem Postbezirk "S.O.36" benannte er einen Kulturtempel, den er der New-Wave-Szene bescherte. Neben Ausstellungen führte er Aktionen durch und kaufte Bilder von Kollegen – den Brüdern Oehlen, Gerold Herold, Reinhard Mucha, Hubert Kiecol, Andreas Schulze und Walter Dahn. Bei einer von der Kritik verrissenen Aktion im Café Einstein sah man ihn, wie er mit einem Freund – vom Bett aus und Bier trinkend – Urlaubsfilme kommentierte. Kippenberger war als Künstler ein Besessener, ein Anarchist, der sich, zwischen den Stilen wechselnd, nie als Maler verstand, sondern als Mensch, wissend, dass "schlechte Themen« nach einer guten Malweise" verlangen. Wenn er behauptete, "aus dem Bescheuerten ein kleines erbärmliches Glück« ziehen zu wollen, entsprach das der Haltung von jemandem, der sich nicht für Kunstgeschichte interessierte, obgleich er sich darin gut auskannte.
Kippenberger starb am 7. März 1997 in Wien. Seit dem frühen Tod verwaltet die nahezu gleichaltrige Galeristin Gisela Capitain in Köln seinen Nachlass, darunter Bilder, Installationen, Skulpturen, Fotos und vieles mehr. Ein Interview über die gemeinsame Zeit mit Kippenberger.


Frau Capitain, was war das Anti-Traditionelle an Martin Kippenbergers Kunst?
CAPITAIN: Dass er sich nicht auf so genannte klar definierte Felder in der Kunst beschränkte. Dass er Skulpturen entwarf, die dem damals Üblichen widersprachen. Denken Sie nur an die Ausstellung "Peter" 1987 bei Hetzler, wo er absichtlich "falsch« gezimmerte Stücke, Verschläge, Regale und ähnliche Konstruktionen als einen Riesenwust in der Galerie abstellte – zum Entsetzen vieler Besucher, die die Nase rümpften und die Flucht ergriffen. Für die meisten hatte das nichts mit Kunst zu tun. Was ihn auszeichnet, ist seine Neudefinition dessen, wie ein Bild aussieht, wenn es aus 21 Einzelbildern besteht, sowie das unentwegte Nachfragen, wozu sich die Medien einsetzen lassen. Er war zudem fähig, an vielem gleichzeitig zu arbeiten.

Lässt sich seine Art, Kunst zu machen, biografisch erklären? 
CAPITAIN: Kippenberger wuchs in einem Haus auf, in dem recht dicht sehr unterschiedliche Kunst hing, neben besonders guten auch sehr mittelmäßige Stücke. Bei Museumsbesuchen mit seinem Vater wurde er von dem immer nach dem besten Bild befragt. Kippenberger, der den Vater durchschaute, wählte stets das aus, das in dessen Augen das beste war. Zur Belohnung dafür bekam er oft etwas Geld. Von Anfang an hatte er den unerschütterlichen Willen, Künstler zu werden. Er war sich sicher, dafür begabt zu sein, und zutiefst beleidigt, wenn die Lehrer seine Leistungen im Fach Kunst nicht genügend würdigten. Übrigens wehrte er sich gegen die Einstellung des Vaters, der es für notwendig hielt, dass ein Künstler nicht nur einen bestimmten Stil kreiert, sondern daran auch festhält. Er hingegen behauptete, sein Stil sei, keinen zu haben. Für ihn zählte der Inhalt.

Nicht unwichtig war sein Verhältnis zum Dadaismus…
CAPITAIN: Zu denen, mit denen er sich Ende der 70er Jahre intensiv auseinander setzte, gehörten Tristan Tzara, vor allem Picabia, aber auch Gerhard Richter, Sigmar Polke, Markus Lüpertz, zu dem er sich in seinen ersten Interviews äußerte, sowie Künstler seiner Generation wie Albert und Markus Oehlen, Werner Büttner, Günther Förg und später Jüngere wie Michael Krebber und Cosima von Bonin. Ganz wichtig für ihn war Andy Warhol mit seiner Idee der Factory. Wie er eine Gruppe von Leuten um sich scharte und den künstlerischen Produktionsprozess in ein Betriebssystem überführte, das reizte Kippenberger ebenso wie die Figur Warhol an sich, seine Selbstdarstellung sowie die Positionierung in der Gesellschaft. Neben Warhol war auch Beuys eine Art Überfigur. Dessen Beiträge zur documenta fand Kippenberger ebenso wichtig wie seine Aktion von 1979 anlässlich der Schließung der Galerie von René Block in Berlin. Da konnte man kleine Wandstückchen der Galerie in von Beuys signierten Tüten mit nach Hause nehmen. Kippenberger war von der Verbreitung der Beuys-Miniwerke beeindruckt, deren Palette von Postkarten über Plakate bis zu Multiples reichte, weil es sich um Arbeiten handelte, die fast jeder erwerben konnte.

Ist Kippenbergers Kunst existentiell? 
CAPITAIN: Ich finde es vom Begriff her etwas zu dick aufgetragen. Aber es hat Anteile davon. Die Seite des Genießens, des Spaß-Haben-Wollens sowie das völlige Ausschöpfen des Erlebten waren mindestens so wichtig wie das existentiell Ernsthafte.

Wie erlebten Sie ihn als Person? 
CAPITAIN: Als ich ihm begegnete, war meine Vorstellung von ihm naiver als heute. Er gab sich privat sehr zurückhaltend, manchmal fast schüchtern. Andererseits war er ungeheuer großzügig und neugierig und wollte genau wissen, was einen bewegte und interessierte. Seine ganze Aufmerksamkeit zielte auf sein Wirken als Künstler und seine Kunstproduktion. Es gibt ein Büchlein zur Ausstellung im MAMCO, Genf von 1997 mit einem Spruch von ihm. "Never give up before it’s too late!« Genau das hat er verkörpert. Als er in Frankfurt an der Städel Schule und später in Kassel unterrichtete, hatte er eine Entourage von jungen Kunststudenten um sich, denen er weniger beibringen wollte, wie man ein Bild malt, sondern eher, wie man sich im Kunstbetrieb durchsetzt. Er lehrte, wie man Ausstellungen organisiert oder Kataloge macht, und arbeitete selbst eben nicht zurückgezogen im Atelier. Er praktizierte sein Modell vom Künstler in aller Öffentlichkeit.

Und der utopische Rest seines Werks? 
CAPITAIN: Zu dem, was jetzt wirkt, gehört, dass er alle Felder der Kunst bespielte und alles miteinander verknüpfte. Dass er machte, was er wollte. Dass er sich nicht beeinflussen ließ von dem, was andere von ihm erwarteten. Dass er lieber wieder etwas Neues riskierte und dabei das Scheitern einkalkulierte. Er hatte vor nichts Angst. Das ist es wohl, was die Künstlergenerationen nach ihm von ihm übernehmen.

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