Marlúcia do Amaral kann auch den schwarzen Schwan. Eine Forelle? Kein Problem. Den Schmetterling sowieso. Und eine verkrüppelte Irre. Die Brasilianerin verkörpert nicht den Typus der klassischen, grazilen Ballerina. Sie ist eine moderne Tanzvirtuosin, voller Lebenskraft und -lust. Eine „Edith Piaf des Tanzes“, wie Ballettmeisterin Monique Janotta sie einmal nannte.
Wenn Marlúcia do Amaral die Bühne betritt, entsteht ein kurzer Moment der Stille. Zwei, drei Wimpernschläge, und sie beginnt zu tanzen. Es ist, als vergewissere sie sich der Aufmerksamkeit des Publikums. Die Primaballerina des Ballett am Rhein hat ein Gespür für den perfekten Moment, und sie entscheidet, wann er gekommen ist. Technik und Bravour zeichnet viele Tänzer aus, die Brasilianerin aber will Magie verströmen. Da ist Marlúcia do Amaral ganz Diva.
Der Schweizer Choreograf Martin Schläpfer, Direktor des Ballett am Rhein, hat sie entdeckt und geformt. Seit 2001 tanzt sie in seinem Ensemble. Erst im ballettmainz, seit 2009 in Düsseldorf/Duisburg. Als Schläpfer die Stipendiatin der Hochschule für Musik in Mannheim nach Mainz engagierte, hatte er eine große Begabung erkannt. Bei seinen Versuchen, an ihrer Linie und Technik zu arbeiten, musste er endlose Diskussionen mit der temperamentvollen jungen Tänzerin aushalten. Heute schwärmt Schläpfer von ihrer Musikalität und Metaphysik, von ihrer Phrasierung, Dynamik und ihrem Timing.
Das kleine Ligeti-Solo „Ramifications“, das er 2005 kreierte, offenbart ihr Potenzial. Wie ein Schmetterling flattert sie mit den Armen, dreht sich im Kreis, als begrüße sie den Frühling. Dann steigt sie auf die Spitze, begehrt auf, als wehre sie sich gegen eine bedrohliche Macht. Schließlich liegt sie reglos und gekrümmt am Boden. In kaum zehn Minuten beschreibt dieses Stückchen Tanz ein ganzes Leben – Erwachen, schillerndes Dasein und Tod. Ein Geschenk für Marlúcia do Amaral: „Dieses Wesen hat so viel von mir. Ich bin so – Licht und Dunkel,“ sagte sie einmal im Interview. Aber auch das Fischlein in Schläpfers „Forellenquintett“ zu Franz Schubert ist in seiner Empfindsamkeit eine Facette ihrer Persönlichkeit.
In Schläpfers Ballettoper „Neither“, komponiert von Morten Feldman, basierend auf einem Text von Samuel Beckett, gibt es eine schockierende Szene. Es war Marlúcia do Amarals Idee, mit x-förmigen Beinen und irrem Gesichtsausdruck dem Publikum entgegen zu stolpern. Ein drastischer Höhepunkt in diesem Werk. Der intuitive Einfall hatte nicht nur mit der Biografie des irischen Dichters zu tun, der an seinem Lebensende schwer erkrankte, unter großen Schmerzen litt und sich kaum mehr bewegen konnte. Auch die eigene Biografie spielte sicher eine Rolle: Die Künstlerin hatte als Kind X-Beine und trug orthopädische Schuhe. Der Arzt schickte sie zum Ballett. Es war der Beginn ihrer Karriere. Über Stipendien (Havanna, New York) kam sie nach Chicago. Den Konkurrenzkämpfen bei den Tanzwettbewerben in den Vereinigten Staaten aber war die 18-Jährige nicht gewachsen und erlitt Nervenkrisen.
Marlúcia do Amaral kehrte in ihre Heimatstadt Porto Alegre/Brasilien zurück und entschied sich für ein Schauspielstudium. Erst als eine Freundin sie zwei Jahre später zu ihrem Ballettabend einlud, wurde ihr klar, was sie wirklich wollte. Sie trainierte wieder, gewann bei einem Wettbwerb ein Stipendium der Birgit-Keil-Stiftung an die Musik-Hochschule in Mannheim. Dort begegnete sie Martin Schläpfer.
Heute ist Marlúcia do Amaral ein internationaler Star – und füllt die Bühne mit Magie.


