Markus Lüpertz wird wegen seines Auftretens und Lebensstils gern als Malerfürst bezeichnet. Seine Jugend war allerdings alles andere als aristokratisch. Am 25. April 1941 wurde er im böhmischen Liberec geboren. Die Familie floh 1948 in den Westen nach Rheydt. Er verließ das Gymnasium ohne Abschluss, brach eine Lehre als Weinflaschen-Etikettenmaler ab und ging in ein grafisches Büro, das bankrott machte. Er arbeitete ein Jahr lang im Kohlebergbau unter Tage, studierte zwischenzeitlich an der Werkkunstschule in Krefeld und der Düsseldorfer Kunstakademie, ohne dass seine Begabung entdeckt wurde.
1961 floh er vor dem Wehrdienst nach Berlin. Dort malte er die ersten doppeldeutigen Riesenbilder, offen für politische Interpretationen. Dazu gehörten Stahlhelme, Uniformen, Soldatenmützen, Militärmäntel ohne Innenleben und eine Serie zu „Schwarz-Rot-Gold“. Derlei „deutsche Motive“ bettete er in Landschaftspanoramen. Er benutzte satte Leimfarben und verfremdete die Dinge durch Übergrößen, so dass das Reale fast schon abstrakt erschien. Diese Phase bezeichnete Lüpertz als „dithyrambische Malerei“, ein doppeldeutig-pathetischer Titel, gilt doch der Dithyrambus als Lobgesang der Griechen zu Ehren des Gottes Dionysos. Lüpertz aber stimmte den Lobgesang frühzeitig schon auf das eigene Genie an.
Seit 1976 war Lüpertz Professor in Karlsruhe, bevor er 1986 in gleicher Funktion nach Düsseldorf ging. Von 1988 bis 2009 leitete er zugleich als Rektor die Kunstakademie Düsseldorf. Er benutzte das Ehrenamt gern dazu, sich als absoluter Künstler zu positionieren und die Freiheit der Kunst und künstlerischen Lehre auch in der Politik einzufordern. Das Kunsthochschulgesetz für Nordrhein-Westfalen trägt seine Handschrift.
Seit den 80er Jahren beschwört er eine Kunst der Metamorphose: Aus Schnecken werden Geigenhälse, aus Mänteln Paletten. Er zitiert ein imaginäres Museum der Moderne, mit der Antike als bewundertem Beispiel und mit Picasso auf dem Olymp. Er paraphrasiert das „mykenische Lächeln“, liebt den Heiligen Franziskus und die drei Grazien, allesamt Zwitter aus Geschichte und Gegenwart.
Skulpturen entstehen parallel zur Malerei. Lüpertz formt sie schnell, mit leicht trocknenden Materialien wie Gips oder Ton, lässt sie in Bronze gießen und als „Malerskulpturen“ kolorieren. Sie assoziieren häufig Menschen, aber es sind in erster Linie frei erfundene Gegenstände, keine Abbilder. Sein Mozart für Salzburg (2005) ist einarmig und hat ein weiß geschminktes Gesicht. „Das Genie gibt sich die Regeln selbst“, weiß Lüpertz. 2007 wurde vor dem Post-Tower in Bonn sein muskelstarker Merkur enthüllt, der auf einer Erdkugel tanzt. Die Figur ist jungenhaft und durchtrieben zugleich. Im Bundesgerichtshof von Karlsruhe steht sein Bundesadler mit panzerartig geschwollener Brust.
Lüpertz betätigt sich auch als Musiker, der in Jazzclubs am Piano sitzt. Sein literarischer Stil wechselt zwischen Poesie und Kampflied. Die ersten Gedichte der frühen 60er sind eine Mischung von Sprüchen, Kalauern, Reimen, Ernsthaftem und Wortwitz. Später kommt ein tragisch dunkler Unterton hinzu. Pointiert und geistreich sind seine Reden zu sozialen Dingen. Hymnisch wirken seine Texte über Künstlerfreundschaften, die ihm Religionsersatz sind. Neuerdings schreibt er Poeme wie Selbstgespräche, in denen er sich mit den Heroen der Vergangenheit identifiziert, um diese Bilder im nächsten Atemzug zu zerstören.


