Isaak Babels „Marija“ von Andrea Breth im Schauspielhaus
bis 27.05.12

Ein Untergangs-Report. Menschheitsdämmerung im Vorschein des Stalinismus: „Marija“ von Isaak Babel, 1935 verfasst. "Natürlich nicht mit der Generallinie in Übereinstimmung", wie der Autor einem Brief anvertraut.

Der 1894 geborene jüdische Dichter aus Odessa, der seine Erlebnisse als Soldat der sowjetischen Reiterarmee literarisch verarbeitet hat und den 1940 der rote Zar ermorden ließ, zeigt, was Geschichte mit Menschen treibt und wie die Zustände sie ihres Menschlich-Seins berauben. „Marija“ entwirft mit 22 Figuren ein Gesellschafts-Panorama aus dem revolutionären Petrograd des Jahres 1920. Acht knappe Stationen im Aufriss, scharf angeschnitten, rhythmisch, filmisch montiert. 

Im Düsseldorfer Schauspielhaus, wo Andrea Breth nach mehr als zehn Jahren am Wiener Burgtheater erstmals arbeitet, trennen musikalisch schartige Querschläger die finsteren Szenen, markieren den Wechsel durch grelle Tonschneisen und dirigieren sie in die Dissonanz. 

Die Titelfigur tritt nicht in Erscheinung: ein Phantombild. Marija, Tochter des zaristischen Generals Mukownin (Peter Jecklin, der in seiner gestürzten Größe die Aufführung dominiert) und Schwester der Ludmilla (Marie Burchard), steht im Dienst der Partei irgendwo an der Polnisch-Russischen Front. Ihrer zugrunde gehenden Familie schickt sie nur einen Brief, halb idyllisierend, teils beklemmend ausweichend, teils sorgenvoll, statt selbst als ersehnte Retterin zu kommen. Diesen Brief wird Mukownins Hausdame Katja Felsen (Imogen Kogge) bei Kerzenschein Marijas Vater vorlesen: Beide kommentieren die Lektüre in grimmigem Sarkasmus, lachend, höhnend, weinend: ein Ungläubigkeitsbekenntnis. Es ist zum Heulen und es ist zum Verrücktwerden. 

Babel trägt, jenseits des Extremismus seiner Schilderung, das Nervenkostüm unserer Tage. Er hat, könnte man sagen, Krisenbewusstsein: Beunruhigung, drohenden Zivilisationsbruch, Entsolidarisierung, die Vertilgungsgier von Systemen. Dabei hält sich die wie von einem schwarzen Passepartout verkleinerte Bühne im Schauspielhaus (Raimund Voigt) an naturgetreue Rekonstruktion: ein paar Zimmer, bläulich grünlich gestrichen, Relikte einstmals vornehmer Bürgerlichkeit wie etwa ein Flügel, auf dem jetzt freilich die Kinderfrau Wäsche bügelt. 

Babel litt schonungslos aufrichtig am Widerspruch zwischen Revolution und Konterrevolution, Glauben und Skepsis in einer Umbruchphase, doch löst sein Hoffen sich angesichts der bolschewistischen Terrormaschine in Angst und Schrecken auf. „Marija“ führt ein „Scheißleben“ vor: soziale Verwerfungen, Deklassierung, moralische Korruption, Verrohung, Liquidierungen. Das Gestern ist verloren, das Heute vulgär, das Morgen zu schön, um wahr zu sein. Die proletarische Utopie hat den Keim der Seuche in sich. Befallen sind Handwerker, Händler, Arbeiter, Invaliden, ein jüdischer Schieber und Ehemalige wie ein Rittmeister, den ein Genickschuss Knall auf Fall beseitigt, oder der Fürst Golizyn, der für eine warme Mahlzeit in einer Kneipe auf dem Cello Bach spielt und bei Christoph Luser sanftmütig leuchtende Verzweiflungs-Euphorie ausstrahlt.

Breth inszeniert plastisch, präzise, gewissenhaft jede Nuance auslotend. Sie bricht die Stimmung ab dem sechsten Bild (auf dem Milizrevier beim Verhör der geschändeten Ludmilla) und treibt in die Puppenstuben-Ansichten mit expressionistisch gespitzter Diagonale einen Keil und eröffnet einen der berüchtigten Korridore der Macht. Plötzlich erreicht die Aufführung einen den Atem stocken lassende Dringlichkeit und Intensität, als würde die gleichgültige stählerne Kälte eines Fallbeils hernieder sausen. Von da an senken sich die Köpfe unter der Bitternis, verengen sich die Räume, bis Mukownins Wohnung weißen Anstrich für die neue Zeit und neue Bewohner – „Leute aus dem Keller“ – bekommt. Die Umordnung überwacht die Hausmeisterin im bodenlangen Pelz, der Elisabeth Orth die herrisch hallende Stimme des Volkes gibt. Eine Schwangere plärrt schmerzverzerrt. Das ist das Gesicht der Zukunft: eine Grimasse. Von draußen dröhnt Marschmusik, zu deren schmetterndem Gesang eine Putzfrau paradiert. Gleichschritt statt Fortschritt. 

 

empfehlungen der redaktion
25336_thumb
22764_thumb
25201_thumb
21192_thumb
208_thumb
22494_thumb
20753_thumb
23079_thumb
26317_thumb
10774_thumb
92_thumb
91_thumb
25833_thumb
25411_thumb
21863_thumb
25638_thumb
98_thumb
616_thumb
21280_thumb
17008_thumb

Shakespeares Richard III. im Schauspielhaus

Richard III., das Monstrum, steht überlebensgroß in seinem körperlichen, seelischen und moralischen Defekt: „Hunde bellen, hink ich wo vorbei.“ Den Ausspruch nimmt Intendant Staffan Valdemar Holm für den akustischen Auftakt seiner auf leerer Bühne arrangierten Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus.

„Tage unter“ im Schauspielhaus

"Tage unter" des Norwegers Arne Lygre ist eine Versuchsanordnung über vier Menschen, verbunden in Täter- und Opfer-Rollen. Stéphane Braunschweig hat als Regisseur und Bühnenbildner im Düsseldorfer Schauspielhaus eine raumhoch massive Ziegelwand errichtet, in deren Vakuum das Quartett eingebunkert ist.

„Delhi, ein Tanz“ von Iwan Wyrypajew

Was ist „Delhi, ein Tanz“? Ein Stück in sieben Szenen oder sieben Stücke, verbunden zu einem szenischen Ablauf, wie der russische Autor Iwan Wyrypajew es möchte. Im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels inszeniert Felix Rothenhäusler die deutschsprachige Erstaufführung. Sechs Personen treffen in einem Krankenhaus aufeinander: Mutter und Tochter Ekaterina, beider Freundin, Ekaterinas Geliebter Andrej, dessen Ehefrau sowie eine Krankenschwester.

Shakespeares „Hamlet" am Schauspielhaus

Zum Auftakt seiner Intendanz am Düsseldorfer Schauspielhaus konzentriert der aus Schweden kommende Staffan Valdemar Holm Shakespeares Königskind-Drama auf die Familiengeschichte: "Hamlet" im goldenen Kunstraum, ein Reflex auch auf den Luxus der krisenhaften Postmoderne.

1970 – Das Düsseldorfer Schauspielhaus wird neu eröffnet

Mit Georg Büchners Endzeit-Drama „Dantons Tod“ beabsichtigte Generalintendant Karl Heinz Stroux den Neubau des Düsseldorfer Schauspielhauses in markanter Lage zu eröffnen. Ein Revolutionsstück!

„Figaro“ im Düsseldorfer Schauspielhaus

Im Schauspielhaus läuft dieser „Figaro“. Schließlich ist das Stück über den „Tollen Tag“ im Hause des Grafen Almaviva ursprünglich fürs Theater von Pierre Caron de Beaumarchais geschrieben, woraus danach die Oper von Mozart mit dem Libretto von da Ponte wurde. „Entschlackt, verspielt und intelligent“, urteilt die „Rheinische Post“ über Markus Bothes Inszenierung der am Ständesystem rüttelnden Verwechslungskomödie, in der Graf und Gräfin, Figaro und Susanna Liebe, Kuppelgeschäfte und Eifersucht vor dem Hintergrund einer feudalen Gesellschaft im Wandel durchleben.

Grillparzers „Medea" am Jungen Schauspielhaus

Der griechisch-stämmige Regisseur Sarantos Zervoulakos hat für das Junge Schauspielhaus des Düsseldorfer Schauspiels Grillparzers "Medea" inszeniert. In der Rolle der Außenseiterin, Barbarin und Kindsmörderin die großartige Stefanie Reinsperger.

„Herr Kolpert“ im Schauspielhaus

Nurkan Erpulat, seit der Ruhrtriennale und seiner Inszenierung „Verrücktes Blut“ geadelt, ist jetzt Hausregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus. Im Kleinen Haus setzt der gebürtige Türke aus Berlin die garstige Komödie „Herr Kolpert“ von David Gieselmann aus dem Geist der Screwball Comedy in Szene.

Die Ruhrfestspiele 2012

Die Ruhrfestspiele schauen in dieser Saison u.a. Richtung Osten und finden etwas Neues, auch in der Vergangenheit. Das Festival bietet russische Dramenliteratur von Gogol, Tolstoi, Dostojewski, Tschaikowsky und Puschkin, Tschechow und Bulgakow.

Puccinis „Butterfly“ an der Rheinoper Düsseldorf

Die Oper zählt zu den Repertoire-Lieblingen. Puccinis „Madama Butterfly“, das traurige Schicksal der Japanerin Cio-Cio-San, wird in der frühen, herberen Werkfassung von Robert Carsen an der Rheinooer in starken, symbolhaften Bildern inszeniert.

Theater Bielefeld

Seit dem Jahr 2000 wird das künstlerische Profil des Hauses von Michael Heicks geprägt. In der Spielzeit 2000/01 kam er als Schauspieldirektor nach Bielefeld und ist seit Januar 2005 Intendant des Theater Bielefeld. Immer wieder widmet er sich bei seinen Inszenierungen von Uraufführungen auch neuen

Theater Duisburg

Die Vorderfront des Theater Duisburg erinnert an die Tempeleingänge der Antike: Über sechs ionischen Säulen ruht der Dreiecksgiebel auf dem in großen Lettern ein Zitat von Friedrich Schiller aus der „Huldigung der Künste“ steht und die Zuschauer einlädt, auf 1117 Plätzen „das große Spiel der Welt“ zu sehen und anschließend „reicher in sich selbst zurück zu kehren“.

Klopsztanga – Polen grenzenlos NRW 2012/2013

Nordrhein-Westfalen freut sich auf Gäste. Von September 2011 bis Januar 2012 hat sich die Kulturszene NRWs mit dem Projekt „Tam’Tam“ in Polen vorgestellt – zu sehen waren u.a. das Tanztheater Pina Bausch, die Sammlung Werner Nekes oder das fotografische Werk von Wolfgang Tillmanns.

Handkes „Immer noch Sturm“ im Theater an der Ruhr

Stell dir vor“ lautet die Formel, die Peter Handkes Prosa-Gedicht "Immer noch Sturm" in Gang setzt. Das Erzähler-„Ich“ – Mittler zwischen Raum und Zeit, zugleich Autor und Zuschauer – träumt und phantasiert sich in einen konkreten Erinnerungsraum: das Jaunfeld im slowenischen Gebiet Kärntens. Ort eines Kulturkampfes.

Pirandellos „Verbrechen“ im Theater an der Ruhr

Roberto Ciulli verschiebt in Luigi Pirandellos selten gespieltem Stück "Man weiß nicht wie" nicht bloß vom Titel "Verbrechen" her den Akzent. In Mülheim zeigt er ein choreografisches Lehrstück der symbolischen Stilisierung und Typisierung.

Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ an der Rheinoper

Richard Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ ist in einer exotischen Märchenwelt angesiedelt. Die Oper wird auch deshalb selten gegeben, da sie an alle Beteiligten ungewöhnliche Herausforderungen stellt. Die Rheinoper nimmt die Produktion, inszeniert von Guy Joosten und auch aufgrund ihrer Werktreue begeistert aufgenommen, wieder ins Repertoire.

Wuppertaler Bühnen

Die Wuppertaler Bühnen sind bekannt für die intensive Zusammenarbeit der Sparten Schauspiel und Oper. Interdisziplinäre Projekte entstehen in beiden Häusern, zusammen mit Kooperationspartnern aus dem kulturellen Umfeld des Theaters. Der Focus des Musiktheaters liegt dabei auf den Ethnien, die in den heutigen Großstädten

Gustaf Gründgens

Thomas Mann hat das Schauspieler-Wesen seines Schwiegersohns mit der Existenz des Glühwürmchens verglichen: am Tag unscheinbar, abends leuchtend. Klaus Mann war weniger liebvoll mit seinem zeitweiligen Schwager Gustaf Gründgens.

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ am Theater Oberhausen

Intendant Peter Carp hat am Theater Oberhausen Edward Albees Drama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", die Urmutter aller modernen Eheschlachten, inszeniert. Alkohol, Sex, Geschlechterhass und die Ursünde Familie – ausagiert im Quartett.

Puccinis „Tosca“ an der Deutschen Oper am Rhein

An der Rheinoper wird Dietrich Hilsdorfs dramatische Deutung des Puccini-Hits „Tosca“ wieder gespielt. Seinem Ruf als Meister der Dekonstruktion von Repertoireklassikern wird der Regisseur in seiner Produktion von 2002 besonders gerecht. Der französische Schriftsteller Victorien Sardou brachte seinerzeit das Rezept für einen Publikumserfolg auf die simple, doch wirkungsvolle Formel: “Quäle die Heldin.“

Loader

GEMISCHTE TÜTE