Bewegung und frische Luft: Das war das viktorianische Allheilmittel, wenn sonst nichts zu finden und die Diagnose unspezifisch war. Aber was in London um 1880 zu kurieren ist, verlangt nach stärkerem Einsatz. Mortimer Granville (Hugh Dancy) wird, nachdem der Arzt mit seinen fortschrittlichen Methoden zur Hygiene in den Krankenhäusern auf Ablehnung stößt, Assistent in der Privatpraxis des Dr. Dalrymple (Jonathan Pryce), der Damen des Bürgertums mit sicherer Hand Erleichterung verschafft. Das Frauenleiden, unter dem unkonkreten Begriff „Hysteria“ zusammengefasst und auf die Nerven geschoben, würde richtigerweise sexuelles Unbefriedigtsein heißen.
Bei den Ladies bringt es den Aufruhr des Fleisches und der Seele hervor. Eine Massage der Vulva stimuliert und entspannt. Freilich vor den Blicken der männlichen Ärzte verborgen durch ein Messinggestell wie auf der Bühne mit rotem Vorhang, hinter dem nur der Unterleib zur Sicht frei liegt. ¬Man könnte auch von Orgasmus sprechen, würde das nicht gegen damalige Prüderie verstoßen, in einer Gesellschaft, die noch Oscar Wilde wegen „Unzucht“ vor Gericht und ins Gefängnis bringt. Wildes frivole Stücke und ihre amüsanten Dialoge könnten für Tanya Wexlers Film Pate gestanden haben.
Dalrymple hat zwei heiratsfähige Töchter, die eine brav, die andere aufsässig. Während sich Mortimer in die jüngere Emily (Felicity Jones) zu verlieben meint, ruhen seine Augen schon auf der wunderbaren Charlotte (Maggie Gylllenhaal), die zum Unwillen des konservativen Vaters mit sozialistischem Elan und Suffragetten-Charme ein Armenhaus nebst Schule und Küche betreibt. Emanzipatorischer Impuls und offensive Selbstbehauptung sind dem zugeknöpft versteifen Mortimer etwas suspekt. Und das, obgleich er in dem begüterten Edmund St. John-Smythe (Rupert Everett) selbst einen unkonventionellen Freund und Gönner hat. Homosexuell und technikverliebt, experimentiert der exzentrische Aristokrat mit Elektrizität und anderem Teufelszeug und erfindet zum Spaß den Vibrator für den Hausgebrauch.
Die Anwendung ist ein derart durchschlagender Erfolg, dass eine zuvor misslaunige Patientin gar eine „Traviata“-Arie in höchsten Tönen und Wonnen anstimmt. So fügen sich die Dinge allseits zum privaten wie öffentlichen Wohl und der erotischen wie sozialen Gleichstellung. Es gibt eine Hochzeit, ein neues Krankenhaus im East End und zufriedene Mienen in dieser sehr britischen, kultivierten, maliziösen, pikanten und auf wahren Begebenheiten beruhenden Komödie.