Es ist nur ein kleiner Filmschnipsel, doch er zeigt etwas, das von überragender Bedeutung für die Tanzgeschichte gewesen ist: Das einzig erhaltene Fragment von Mary Wigmans legendärem „Hexentanz“, knapp zwei Minuten lang, flimmert über den Monitor im Foyer des Tanzmuseums Köln. Im Anschluss tanzt Sylvie Guillem, eine der hoch bezahltenTänzerinnen unserer Zeit, diese Sequenz. Doch selbst die französische Primaballerina kann es mit der Dramatik Wigmans nicht aufnehmen. Die Revolution des Tanzes zu Beginn des 20. Jahrhunderts war wie ein künstlerischer Urknall. Sie begründete den expressionistischen Stil, der als deutscher Ausdruckstanz in die Geschichte einging. Die neue Tanzkunst und ihre Auswirkungen bis heute zeigt die Ausstellung „Im Angesicht der Moderne – die Magie des Tanzes 1900-1932“ im Tanzmuseum. Klug konzipiert, rekonstruiert und dokumentiert sie mit ihren einzigartigen Exponaten aus den Beständen des Tanzarchivs Köln die Avantgarde dieser Zeit in kleinen Themen-Kabinetten.
Seine leidenschaftlichsten Befürworter fand der Ausdruckstanz in den bildenden Künstlern und Literaten. So verteidigte der Bildhauer Auguste Rodin den Tänzer Waslaw Nijinsky und seine nie zuvor erlebte Erotik auf der Bühne gegen Kritiker. Künstlerinnen wie Mary Wigman oder Gret Palucca inspirierten Maler wie Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde. Davon legt ein privater Brief von Kirchner an die Tänzerin Berthe Trümpy in wunderbarer Weise Zeugnis ab. Der Künstler drückt in dem Schreiben von 1929 seine Begeisterung für den „freien Tanz“ aus, schreibt von der Inspiration, die er durch ihn erfährt. Dann plaudert er über seinen Kater und tuscht ein wunderschönes Bild des Tieres unter seinen Brief.
Mary Wigman, in den USA „high priestess of German Dance“ (Hohepriesterin des Ausdruckstanzes) genannt, wollte den absoluten Tanz. Einen Tanz, der nicht etwa Musik illustrierte, sondern dessen Musik nur der Rhythmus ihres Inneren sein konnte – und dort brodelte ein Vulkan. Ein Höhepunkt der Schau ist die eigens restaurierte Holz-Maske, mit der Mary Wigman 1926 ihren „Hexentanz“ aufführte. Sie sollte den Menschen auslöschen, um die Ausdruckskraft des Körpers hervor zu heben.
Die neuen Tänzerinnen waren keine elegischen, zarten Wesen in Tutus und auf Spitze mehr. Fotografien zeigen kräftige Mädchen bei raumgreifenden Übungen in der Natur. Sie waren ein beliebtes Motiv, denn auch die Fotografen begeisterte der moderne Tanz. Die Schau zeigt eindrucksvolle Beispiele der bildkünstlerischen Auseinandersetzung wie expressionistisch verwischte Montagen des Schweizer Fotografen Ernst Linck von Wigmans Solo oder eine raffinierte Mehrfachbelichtung von dem Tanzkünstler Harald Kreutzberg. Der moderne Fotograf Albert Renger-Patzsch schoss Szenenfotos von Kurt Jooss' international erfolgreichem Anti-Kriegsstück „Der Grüne Tisch“. Das in Paris 1932 ausgezeichnete Werk ist auch als Filmdokument mit Jean Cébron als Tod und Pina Bausch als Mutter zu sehen.
Kurt Jooss war einer der wenigen politisch engagierten Künstler. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, emigrierte er. Andere Protagonisten des freien Tanzes, die sich ausschließlich auf das eigene künstlerische Schaffen und das individuelle Erleben im Tanz konzentrierten, waren politisch leichte Beute. So standen Mary Wigman und Harald Kreutzberg 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin auf der Bühne. Wigman schuf sogar das Tanzwerk „Totenklage“ für die Spiele. Goebbels schrieb damals in sein Tagebuch: „Das alles ist so intellektuell. Ich mag das nicht“. Bald darauf wurde die Künstlerin an die Musikschule nach Leipzig abgeschoben.
Die Ausstellung schließt besinnlich mit drei Kabinetten, in denen Harald Kreutzberg, Kurt Jooss und Mary Wigman auf Altersfotos zu sehen sind, den Blick gerichtet auf die eigene Büste. In Zitaten reflektieren sie die bewegten Zeiten. „Der Ausdruckstanz sollte in das Weltkulturerbe aufgenommen werden“, findet Kurator Thomas Thorausch. Wer die Ausstellung erlebt hat, wird ihm zustimmen.
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