Ibsens „Nora“ im Theater Oberhausen
09.06.13 18:00

„Nora oder Ein Puppenhaus“: Der Titel wird in Oberhausen wörtlich genommen. Ibsens spannendes realistisches Drama kreist umd die Lüge zwischen Mann und Frau und ihre Befreiung aus dem goldenen Käfig der Ehe.

Nora im Babydoll mit plustrigem Rothaar dreht sich als Ballerina auf giftgelbem Boden der – bis auf eine grellgrüne Tannenbaum-Silhouette – leeren Bühne. So gehört sie ganz ins 19. Jahrhundert. Aber nicht in ein Salonstück und Seelendrama, sondern sie entstammt der Schauerromantik – und ist darin ein klinischer Fall. Manja Kuhl treibt gespreizt und geziert das manische Wesen in Tüll und Opfer einer vampiristischen Umgebung auf die Spitze. Man wartet nur darauf, dass E.T.A. Hoffmanns Automatenhersteller Coppelius, der zusammengestoppelte Boris Karloff oder Frankensteins Braut aus den Kulissen treten. Das tun stellvertretend drei blutleere Herren im Bratenrock, Helmer, der seinem Namen Ehre machende Dr. Krank (statt Rank) und der Finanz-Filou Krogstad, die beide aus dem letzten Loch pfeifen. Was sie nicht hindert, sich sadomasochistischen Lüsten, Triebregungen und Ersatzhandlungen hinzugeben. Es ist halt immer wieder pure Freud’, die Wiederkehr des Verdrängten und Verkümmerten zu erleben. 

Herbert Fritsch inszeniert Ibsen, indem er ihn als Kostümschinken aufkocht und ins flackernde Phantasiereich der Sexualneurosen bannt. Wobei all die Charakter-Schablonen auch Widergänger des Schauspielers Fritsch sind, dem genialen Anarcho-Chaos-Clown von Frank Castorfs Berliner Volksbühne. Der Jury des Theatertreffens hat das sehr gefallen; sie hat das Theater Oberhausen mit diesem Ibsen nach Berlin eingeladen.

Gegen das Erweckungsdrama weiblichen Selbstbewusstseins putscht die formal konsequente, auf bürgerliches Inventar verzichtende Psychokasperei mit der Musik Bernard Herrmanns, die der für Hitchcocks nekrophilen Todesthriller „Vertigo“ komponiert hat. So erzählt Fritsch eine andere, finster-lustige Weihnachtsgeschichte, in der schließlich der Christbaum abgefackelt wird. Nora endet als Sterntalerkind und bleibt mit ihrer therapeutischen Selbstrettung auf der Strecke. Alles andere wäre noch so ein Märchen gewesen. 

 

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