„Holger, Hanna und der ganze kranke Rest" in der Casa
13.06.12 10:30

Holger ist 16 und hat wie die meisten Jugendlichen in diesem Alter weder sich noch seinen Platz im Leben gefunden. Das ist weiter nichts Besonderes. Nur weiß er das nicht, und so verzerrt sich alles derart in seiner Wahrnehmung, dass er überall aneckt und sich selbst immer mehr zum Außenseiter stempelt. Erlösung könnte ihm nur jemand bringen, der ihn liebt und damit, wie es in Aimee Manns Song „Save Me“ aus P.T. Andersons „Magnolia“ heißt, „aus den Reihen der Freaks und der Auffälligen rettet.“

Es ist schon eine ziemlich absurde Situation, in die Jan Demuth seinen Antihelden zu Anfang seines bissigen Jugendstücks katapultiert. Verena und Gerhard haben ihren Sohn zum Psychiater geschleift. Da sitzt er nun alleine, nachdem sie endlich das Sprechzimmer verlassen haben, und erzählt seine Geschichte einem Arzt, der nie auftritt.

Aber Henner Kallmeyer geht mit seiner Inszenierung noch einen Schritt weiter. Franziska Gebhardt hat die Essener Casa in einen fast schon kafkaesken Ort verwandelt. Hinten wird er von einer Holzwand begrenzt, deren Türen, zumindest immer wenn Bettina Schmidts total verpeilte Verena vor ihnen steht, ihren eigenen Willen zu haben scheinen. Vorne und an den Seiten deuten Markierungen eine Laufstrecke mit Bodenwellen an. 

Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerungen und Phantasien nehmen als Raum ewiger Demütigungen und endloser Missgeschicke Gestalt an. Irgendwann wird dann auch noch ein funkelnder, mit Leopardenfell-Muster überzogener Zahnarztstuhl hereingeschoben. In ihm lässt Holger Kunkels geckenhafter Gerhard, der gerade seinen zweiten Frühling mit der 19-jährigen Hanna (Silva Weiskopf) erlebt, in die sich Holger verliebt hat, seinem Sohn eine Behandlung des Grauens angedeihen.

Holger steckt die ganze Zeit über in einem Elefanten-Overall (Kostüme: Silke Rekort) und sieht aus wie ein überdimensioniertes Stofftier, das niemand mehr haben will. Er ist der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen und kann gar nicht anders, als immer noch mehr Scherben zu hinterlassen. Das hätte leicht zu viel des Eindeutigen sein können. Doch Jannik Nowak gelingt ein wunderbarer Drahtseilakt. Trotz seines närrischen Kostüms wirkt er nie lächerlich. Selbst in den unzähligen Momenten, in denen er die Augen mehr noch als jeder Jugendliche verdreht, dem seine Eltern unendlich peinlich sind, und fast zur Karikatur wird, bewahrt er sich eine entwaffnende Natürlichkeit. Damit hat er alle Sympathien auf seiner Seite. Einen wie ihn muss man einfach aus den Reihen der Freaks retten.

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