„Herr Kolpert“ im Schauspielhaus
bis 01.07.12

Düsseldorf leuchtet. Aus dem Bühnen-Hintergrund steigt die Silhouette des Medienhafens mit seiner Gehry-Architektur und dem Fernsehturm auf. Wie in einem Adventskalender gehen wechselnd Lichter in den Fassaden an, während ein Song „It’s wonderful“ anstimmt und ein Paar sich über die Qualitäten der Stadt, sagen wir, im Vergleich zu New York oder San Francisco auslässt. Das Lob auf Düsseldorf ist nicht ernst zu nehmen, zumal es von einem in Berlin lebenden Regisseur türkisch postmigrantischer Herkunft kommt.

Nurkan Erpulat, seit der Ruhrtriennale und seiner Inszenierung „Verrücktes Blut“ geadelt, ist jetzt Hausregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus. Und setzt im Kleinen Haus diesen Prolog der vor zehn Jahren verfassten Komödie „Herr Kolpert“ des – ebenfalls Berliners – David Gieselmann voran. 

Einen Epilog wird es nach 100 Minuten auch geben, sarkastischer noch als der Beginn und galliger Kommentar Erpulats zum Ideal einer offenen, pluralistisch verfassten, multikulturellen Gesellschaft und bunten Republik. Das schöne Panorama wird gesprengt. Eine Verwüstung – weil nur aus dem Untergang Neues entstehen kann. Aufräumen, sauber machen, ausfegen: Das tun auch die drei Überlebenden dieses Fünf- bis Sechs-Personen-Stücks, wenn man die Titelfigur mitzählt, die nur als Toter einen Auftritt hat. 

„Hier ist sonst nur noch eine Leiche“, scherzen Ralf und Sarah (Stefanie Rösner), als sie ihre Gäste Bastian und Edith zu sich in die Wohnung bitten, nachdem sie sich mental mit dem Gedanken an Selbstjustiz angefreundet haben und sich genüsslich vorstellen, mit allen möglichen unnützen sozialen Erscheinungen (Rentern vor allem) kurzen Prozess zu machen. 

Bereits die Getränkewahl legt Differenzen bloß, wobei sich Bastian Mole (Philipp Denzel) als ziemlich unbeherrscht und unberechenbar zeigt. Es soll Pizza geben. Funktioniert auch nicht. Überhaupt geht alles schief. Scheiternde Kommunikation. Unangemessene Reaktionen. Jede Ordnung geht in die Brüche. Dem Chaosforscher Ralf (Christoph Schechinger) ist das nicht fremd.  

Das Stück mischt Albees „Virginia Woolf“ mit „Arsen und Spitzenhäubchen“, auch Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ ist hineingemixt. Und das Tempo, der schräge Witz, Verrücktheiten, Übersprunghandlungen und sich verheddernde Turbulenzen der Screwball Comedy, wie wir sie von Howard Hawks und mit Katherine Hepburn, Cary Grant und anderen kennen. 

Makaber, pointiert und situationsbedingt stellenweise heiter läuft die Begegnung des seiner selbst und seines Alltags überdrüssigen Quartetts ab: bis zum Massaker, in den der Pizzabote und Gogoboy (Marian Kindermann) ebenfalls Opfer wird und Frau Mole (Sesese Terziyan) zur Hyäne mutiert. Nicht nur Herrn Kolpert wird es weggeputzt haben. 

Erpulat baut als munterer, politisch sehr unkorrekter Spielmacher und Spielverderber – zu easy listening music – in den blutigen Boulevard Falltüren ein, lenkt um, markiert Sackgassen, blockiert Ausgänge (auf der multifunktionalen Bühnen-Schrankwand auch mit einer Mauer, Regalen voller Bücher und Gartenzwerge und einer im Weg stehenden türkischen Putzfrau). Ein kleiner Gott des Gemetzels wird hier vom Schicksal angebetet: enthemmt, schnell, kotzend, klebrig, irre garstig und so, dass die Inszenierung ihre Vorlage herzhaft überbietet. 

 

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