Irgendwann vor ein paar Jahren hat Harald Schmidt einen Zustand der intellektuellen Glückseligkeit erreicht, der nur wenigen zugänglich ist. Seitdem ist ihm alles egal. Weil er nichts mehr will, kann er alles wagen. Nichts fesselt ihn mehr zwangsweise. „Was mich interessiert, ist Thema in der Show", sagt er, und so verfährt er dann auch. Er hatte einen Vertrag mit der ARD, dann mit Sat.1, dann kehrte er zur ARD zurück, die ihm fast alles erlaubte, denn es gilt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die quasi grundgesetzgleiche Regel, dass alles, was Harald Schmidt von sich gibt, witzig ist. Seit September 2011 hat Schmidt mit seiner neuen alten Show seinen festen Late-Night-Platz wieder im Privatfernsehen.
Als frecher Late-Night-Talker ließ er in den 1990ern vorab stets einen Mitarbeiter die Bühne anwärmen. Der erklärte dann, dass von dem Moment an, in dem Harald Schmidt die Bühne betritt, alles, aber auch alles superlustig und dementsprechend zu bejubeln sei. Danach machte er als falscher Schmidt den Test, pickte einen Zuschauer heraus und stellte ihn als einen an den Pranger, der die Gesetze des Unterhaltungsfernsehens nicht kapiert hatte. Denen zufolge ist nämlich ein Depp, wer im Studio nicht auf Anweisung ausrastet. Den anschließenden Jubel für den echten Schmidt frenetisch zu nennen kam dann fast schon einer schlimmen Untertreibung gleich.
Harald Schmidt kennt das Unterhaltungsgewerbe wie kaum ein anderer. Und er verachtet es wie kein anderer. Immer wieder beißt er mit Lust die Hand, die ihn füttert, immer wieder vollführt er Wendungen, die keiner erwartet. Wenn er lustlos dahinzudämmern droht, holt er sich einen Flegel wie Oliver Pocher an seine Seite, und wenn er von dem genug hat, lässt er ihn kurzerhand fallen und macht einen auf Bildungsonkel.
Schmidt bestimmt die Regeln. So war es schon, als er 2003 bei Sat.1 ausstieg und sich ein Jahr Auszeit gönnte. So ist es heute noch. Vorbei sind die Zeiten, da er bereit war, sich in den Dreck zu werfen, wenn man ihm denn nur eine Chance gäbe. Alles hat er getan für den frühen Fernsehruhm. Gemeinsam mit Herbert Feuerstein hat er zwischen 1990 und 1994 bei der WDR-Show „Schmidteinander" als erster kapiert, wie eine echte Late-Night-Show funktioniert, welchen Wahnsinn es braucht, um die Skurrilität des Normalen zu spiegeln. So weit trieb er die Ranschmeiße, dass er schließlich dort landete, wo er sich eine Weile hingeträumt hatte: bei der spießigen Samstagabendshow im Ersten. Knapp drei Jahre brauchte er, um die Traditionssendung „Verstehen Sie Spaß?“ zu demontieren und ihr mit allen Mitteln die Volkstümlichkeit auszutreiben. Schmidt stellte sich in den Mittelpunkt und begann das öffentlich-rechtliche Showsystem von innen zu sabotieren. Das schmerzte die ARD sehr, und man war auch ein bisschen froh, als er 1995 zu Sat.1 wechselte.
Inzwischen sind solche Ausflüge in die Niederungen der Bierzeltkultur kein Thema mehr für einen wie Schmidt. Er hat bewiesen, dass er es kann, nun braucht er es nicht mehr. Lieber tritt er auf Theaterbühnen, inszeniert hier und da ein bisschen, spielte wieder Kabarett auf einer kurzen Tournee und dann nur noch gelegentlich im Düsseldorfer Köm(m)ödchen, wo er in den 80er Jahren unter der Leitung von Kay und Lore Lorentz gelernt hat.
Dort hat man ihm beigebracht, wie man das System durch besondere Zuneigungsbeweise erniedrigt. „Es ist unsere zentrale Aufgabe, den Kapitalismus zu verteidigen“, verkündet er, der 1957 geboren wurde, als eine Art Elder Statesman der deutschen Spaßindustrie, und man weiß nicht, ob er das nun ernst meint oder nicht. Aus der Unsicherheit seines Publikums zieht Schmidt seinen aktuellen Lohn. Er kriegt, was er will, auch wenn er manchmal nicht genau weiß, was das ist.