Geboren 1930 in Wendorf, Mecklenburg, gilt Günther Uecker schon früh als „erheblich überdurchschnittliche Begabung”. Die von ihm, Mack und Piene als Protagonisten gegründete, bzw. von ihnen repräsentierte Gruppe ZERO feierte seit 1958 spektakuläre Erfolge. Ihr Credo lautete: Licht, Reinheit, Klarheit. Keine Zeugnisse willkürlicher Annäherung an das Universum, kein dunkel-gründelnder Expressionismus, sondern Übersichtlichkeit und Einbeziehung der technisierten Umwelt. Und: Materialien des Alltags, der Anspruch, in der Kunst mit der Stunde Null neu zu beginnen, sich mit einfachen Mitteln dem Geheimnis der Schöpfung zu nähern.
Uecker sprengt das Korsett der Gruppe. Es entstehen berühmte Nagelbilder wie „Horizontale Reihung“, „Diagonal gestört“, „Pfeilschießen“. Versuche mit Tastobjekten, Lichtscheiben und Aktionen wie „Straße weiß gestrichen“, 1961, vor der Galerie Schmela in der Hunsrückenstraße der Düsseldorfer Altstadt. Daneben Aquarelle, tagebuchartige Skizzen, Notizbücher, Prägedrucke. Vorrangig steht der Beginn des Bildhauers, Räume zu besetzen.
Günther Uecker bezeichnet sich gern als Hand-Werker. Man kann diesen Begriff erweitern: Körper-Werker. Uecker kniet auf dem Boden, malt Schriftzeichen in 50 Sprachen und verschiedenen Alphabeten auf riesige Tücher, formt mit seinen Händen Kreise an Stränden, Metaphern der Vergänglichkeit. Er wirft zwar nicht – wie sein Freund und Schwager Yves Klein – ultramarin angestrichene Mädchen auf Leinwände. Ueckers Ansatz ist: Lust. Er will die Erde berühren, stellt horizontale Sanduhren her und bearbeitet Baumstämme mit der Axt.
Alles, was Uecker an Objekten benutzt, bleibt handgreiflich: Leinwand, Nagel, Scheibe, Licht, das aus Scheinwerfern und Osrambirnen strahlt, um seine Arbeiten zu einer spirituellen Dimension zu führen. Von Anfang an hat er Bücher hergestellt, unabhängig von den Katalogen, die seine Ausstellungen begleiteten. Einer der Titel, „Vom Schweigen der Schrift“, ist eine verschlüsselte Botschaft: „Ich bin hier, ich denke und versuche dies in absoluten Formen.“ Doch das Atelier ist kein Tempel. Hier wird gearbeitet.
Ueckers Grundstoffe und Zutaten sind einfach: Erde, Holz, Seile, Nägel. Und Sand. Berichte vom Bau der Arche Noah. Nahe liegend, dass er das Gilga-mesch-Epos bebildert hat. Bodenständig in Arbeit und Wohnen, ist er Düsseldorfer – und Weltbürger geworden; seit 1976 dann ein wichtiger Professor der Kunstakademie, der mit seinen Studenten unorthodox arbeitete: Exkurse in ein Bergwerk, auf ferne Inseln, in eine Nervenheilanstalt. Aber er begründete keine Schule.
Persönliche Stilisierung ist Günther Uecker fremd. Das macht ihn und seine vielfältigen Aktivitäten authentisch, auch seine Beschäftigung mit Religion. So entsteht sein „Raum der Stille“ im Berliner Reichstag. Er versucht, Zeitgeschichte in Bilder zu transportieren mit seinem Engagement zu politischen Themen, zum Beispiel den Arbeiten zur „Pogromnacht “ und Aschebildern zu Tschernobyl. Ideologie ist ihm fern, Stellungnahmen sind persönlich grundiert. Daher das dramaturgische Unterfutter, seine literarischen Begleittexte und die Dokumente seiner Neugier: malerische Protokolle seiner Reisen, Notate einer globalen Neugier, die immer bereit ist, sich auf Einflüsse einzulassen.
Uecker lässt sich nicht reduzieren auf das, was ihn bekannt und zu einem Markenartikel gemacht hat; der Nagel bedeutet für ihn bildnerisches Gestaltungsmittel wie Farbe oder die Natur. Natürlich schwingt da immer etwas mit: das Nagelbrett des Fakirs, der Fetisch der Naturvölker, das Eisen, das befestigt, aber auch verletzt, das verbindet und zerstört. Der „Nagelmann“ bringt die Nägel zum Tanzen mit Licht und durch Rotation und findet im Kreisen der Nägel ein Symbol der verrinnenden Zeit, das auch an die „trockenen Gärten“ in japanischen Zenklöstern erinnert.


