Grillparzers „Medea" am Jungen Schauspielhaus
02.07.12 19:00

Das Mythenmaterial erweist sich durch ein paar Handgriffe als bühnentauglich: ein Segel aus Plastikbahnen, in einen Rahmen gespannt, ersetzt das Schiff; ein Schlauch, der Nebel in ein Becken-Rechteck leitet, lässt sich für Wolken, Wind und Wogen halten. So wird auf der Bühne des Jungen Schauspielhauses in Düsseldorf (Thea Hoffmann-Axtheim) die Fahrt der Argonauten nach Kolchis, der Raub des Goldenen Vlieses, Iasons Liebesbündnis mit der Königstochter Medea, die dafür Vater und Bruder verrät und opfert, anschaulich. Die Sage verdunstet und kondensiert zu einfachen Zeichen. 

Der 31-jährige, aus Griechenland stammende Sarantos Zervoulakos lässt Grillparzers „Medea“ am Jungen Schauspielhaus, das unter Staffan Valdemar Holms Intendanz und seiner Leiterin Barbara Kantel zum alten bzw. erwachsenen Haus durchlässiger sein will als bisher, mit Emphase, schlicht und packend, spielen. 

Das Drama setzt hier ein vor den Toren Korinths, wo die Verstoßenen Iason (Aleksandar Tesla) und Medea nach Jahren Asyl suchen, empfangen von Kreon (Dirk Osig), der den Freund wohlwollend aufnimmt, nicht aber dessen übel beleumundete, der Zauberei verdächtigte Frau.

„Weißt du noch!“, heißt die Formel für das Paar, mit dem es schöne und schlimme Erinnerungen aufruft, wobei das Schöne das Schlimme erst hervorbrachte: Medeas Liebestollheit, mit der sie Herkunft und Heimat aufgab. Nun ist sie die ausgeschlossene Dritte, wenn Iason und die korinthische Prinzessin Kreusa ihre Jugenderinnerungen aufrufen. Ein Kind aber, das die anderen nicht mitspielen lassen, wird böse. 

Diese Medea im zu großen Parka ist nicht gesellschaftsfähig. Eine Verbrecherin eben vom Ende der Welt. So jemand passt nicht ins kultivierte Hellas. Auch die blonde Perücke, identisch jener, die Kreusa trägt, hilft ihr nicht, dazuzugehören. Medea bleibt ein Antikörper. Rothaarig, stämmig, fleischlich, doppelt so breit und schwer wie die Kreusa der Janina Sachau: Stefanie Reinsperger ist das Ereignis der hundertminütigen Aufführung. Elementar, lebenswarm, zart, imposant. Als ihr die Kinder genommen werden, schreit sie, außer sich, nicht zu stillen, sich am Boden wälzend. 

Danach tut sie das Ungeheuerliche, das in Düsseldorf äußerlich unblutig abläuft. Medea tritt mit den Söhnen – ein Knirps mit Kapitänsmütze, der andere nur eine krähende Stimme vom Band in einem Körbchen – unter greller Sonne ab. Bis die Scheinwerfer erlöschen und die Kindsmörderin auf die Bühne zurückkehrt: Sie hat ihre Trauer, den Schmerz, ihre ewige Nacht angenommen. 

 

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