Das Fenster in der Kunst der letzten hundert Jahre. Man ahnt es – das ist ein endloses Thema. Und ein eher trockenes dazu. Wer hat nicht alles Fenster gemalt, gebaut, beklebt, fotografiert, projiziert... Und dabei völlig unterschiedliche Ziele im Auge gehabt. Es gab auch schon die ein oder andere Ausstellung, die sich damit beschäftigt hat. Trotzdem bringt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen den Gegenstand nun noch einmal groß heraus und holt für die Schau „Fresh Widow“ 17 Künstler mit ihren Fenstern ins K20.
Die Auswahl konzentriert sich ganz auf solche, für die das Fenster von entscheidender Bedeutung ist. Künstler, die sich oft gleich in größeren Werkgruppen damit befasst und nicht selten nachhaltige Schlüsse für ihr weiteres Schaffen daraus gezogen haben.
Von Robert Delaunay und seinen ab 1912 entstandenen Fensterbildern, führt der Weg über Matisse und Magritte zu Ellsworth Kelly, dessen 1949 in Paris gemalte Fenster eine wesentliche Wende im Werk einleiteten. „Von diesem Zeitpunkt an“, sagte Kelly, „gab es die Malerei, wie ich sie bis dahin gekannt hatte, für mich nicht mehr.“ An die Stelle der Repräsentation trat in seiner Kunst nun das Objekt.
Verfolgt man den Weg weiter in Richtung Gegenwart, so zeichnet sich vor allem in den sechziger und siebziger Jahren ein gesteigertes Interesse am Sujet ab. Christo etwa begann seinerzeit „Show Windows“ und „Store Fronts“ mit großen Tüchern oder Packpapier zu verhängen. Und Robert Motherwell stieß rein zufällig auf das klassische Thema, als er im Atelier Leinwände unterschiedlicher Größe aneinanderlehnte.
Dem jüngsten im Club, Olafur Eliasson, reichte 1999 schließlich ein Stativ mit Scheinwerfer und die passende Schablone mit Gitterstruktur, um mit Licht und Schatten nurmehr die Illusion eines Fensters zu schaffen.
Als Dreh- und Angelpunkt im bunten Allerlei eignet sich gut Marcel Duchamp. Von ihm stammt jene im Maßstab verkleinerte Fenstertür französischer Bauart. Der Künstler hat den Holzrahmen 1920 nachbauen und verglasen lassen, um die Scheiben anschließend mit Lederstücken abzudichten. Aus dem geläufigen Namen „French Window“ strich er sodann zwei „n“ und kam auf besagte „Fresh Widow“, die sich im Titel der Ausstellung wieder findet.
Warum gerade Duchamp als Titelheld? Mit Blick in die Düsseldorfer Runde scheint der Grund für diese Wahl leicht nachvollziehbar. Markiert doch sein verklebtes Objekt eine grundlegende Neuorientierung. Radikal wie keines zuvor opponiert es gegen das seit der Renaissance gültige Bildkonzept.
Damals, Mitte des 15. Jahrhunderts, war das Fenster als Metapher für ein gemaltes Bild ins Gespräch gekommen. Ausdrücklich bei dem Gelehrten Leon Battista Alberti, wenn er in seiner Schrift „De Pictura“ erklärt, wie er die Arbeit am Gemälde beginnt: „Als Erstes zeichne ich auf der zu bemalenden Fläche ein rechtwinkliges Viereck von beliebiger Größe, von diesem nehme ich an, es sei ein offen stehendes Fenster, durch das ich betrachte, was hier gemalt werden soll.“
Indem Duchamp nun an die Stelle der alten malerischen Illusion das reale Ding setzt, und an die Stelle des perspektivischen Blicks hinaus das schemenhafte Spiegelbild im polierten Leder, wendet er sich ganz entschieden gegen diese alten Ansichten. Mit seiner „Fresh Widow“ scheint der Abschied von der Aussicht im 20. Jahrhundert besiegelt.
Zuvor könnte man in der Schau vielleicht noch eine Art Entwicklung ausmachen. Mit Blick auf Delaunay etwa, dessen „Fenêtres“ immer weniger in die Tiefe schauen lassen und kaum mehr Gegenstände wiedergeben. Doch dieses Fortschreiten in Richtung Fläche und Abstraktion ist mit Duchamp am Ende. Denn weiter als er kann man mit dem Fenster kaum gehen. So macht denn auch das, was folgt in der Düsseldorfer Ausstellung, keine Entwicklung mehr anschaulich, erzählt keine Geschichte. Vielmehr erscheint es als bloßes Nebeneinander unterschiedlicher Möglichkeiten.
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20 Grabbeplatz | Grabbeplatz 5 | 40213 Düsseldorf
Tel: 0211/ 8381-204 | Email: service@kunstsammlung.de | Website: http://www.kunstsammlung.de
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20 Grabbeplatz | Grabbeplatz 5 | 40213 Düsseldorf
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