Überall diese schauerlichen Geschöpfe. Schrill und schmierig machen sie sich breit zwischen den klassisch-modernen Skulpturen im Lehmbruck Museum. Wie aus Farbpaste erwachsene Aliens. Zuweilen wirken Fabián Marcaccios Werke beinahe abstrakt, viel häufiger aber nehmen sie gegenständliche Gestalt an. Gewinnen menschliche Züge – soweit man davon noch sprechen kann, entsetzlich zugerichtet, wie sie sind: Zerfleischt, zerfetzt, zerquetscht, gehäutet und ausgenommen, der Künstler lässt nichts aus.
So auch bei jenem überlebensgroßen „Hero”, der an Georg Baselitz’ frühe Soldatenbilder erinnert. Marcaccio hat ihn 2009 gemalt. Oder geformte. Das kann man nicht so genau sagen. Denn seine Kunst bewegt sich zwischen den Gattungen.
Der 1963 in Argentinien geborene, seit vielen Jahren in New York lebende Künstler sucht mit seiner Malerei schon lange Wege aus dem Rahmen in den Raum. Seit den frühen Neunzigern bringt er das Bildformat zum Bersten, lässt Pinselgesten auf Wände übergreifen. Wellt oder knickt riesige Leinwände und gewinnt ihnen auf diese Weise plastische Qualitäten ab.
Für solche Gattungshybride hat Marcaccio eigene Wortschöpfungen entwickelt. Zentral im einfallsreichen Vokabular ist der Begriff des „Paintant”, in dem sich „painting” und „mutant” vermischen. „Mutierte Malerei”, die eben beides ist – Skulptur und Bild. Dabei mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung tendiert.
Bei den „Structural Canvas Paintants” nun im Lehmbruck Museum kommt auf jeden Fall stärker die plastische Seite zum Tragen. Doch selbst für diese Stücke benutzt Marcaccio Leinwand, bedruckt sie zum Teil mit Bildern aus dem Computer, schneidet alles per Schnittmuster 3-D-gerecht zu, um die Einzelteile dann auf ein Gerüst aus Aluminiumgitter zu ziehen.
Das Ergebnis ist zwar plastisch, aber hohl – baut nicht wie die Körper eines Bildhauers auf Volumen und Masse. Vielmehr geht Marcaccio von Bildern aus, setzt auf die Konstruktion von Perspektive. Verfährt also mehr wie ein Maler. Dazu passen auch jene alles verschmierenden Schlieren und Klumpen aus pastoser Farbmaterie und buntem Silikon – übersetzen sie doch die Arbeit des Pinsels in die dritte Dimension.
Seine Gattungshybride sollten eigentlich ganz woanders im Duisburger Museum einziehen. Baumängel und die kurzfristige Schließung der großen Glashalle sind der Grund dafür, dass sie sich nun in Gesellschaft von Derain und Lipchitz, Klinger, Ernst, Belling, Maillol wieder finden. Natürlich auch mit Wilhelm Lehmbruck in Kontakt treten. Und durchaus profitieren von der erlesenen Gesellschaft.
Das gilt ganz besonders für Marcaccios CNN-Reporter, der direkt neben Lehmbrucks 1915 als Mahnmal gegen Krieg und Gewalt geschaffenen „Gestürztem” seine demolierten Körperteile von sich streckt. Ein Arm ist noch einigermaßen intakt und hält pflichtgetreu das Mikro in die Höhe. Der Rest hat sich aufgelöst in Knochen und Chaos. Gar nicht fern liegt da ein berühmtes Schlachtfeld aus dem Bestand des Lehmbruck Museums: Dem zerfetzten CNN-Mann zu Füßen leiden und sterben fünf Soldaten, von Duhan Hansons in Polyesterharz und Fiberglas gebaut und 1967 im „Vietnam Piece” auf einem schmutzigen Zelttuch arrangiert.
Im gewagten Miteinander wird klarer, worum es in Marcaccios gruseligen Geschöpfen eigentlich geht. Während Lehmbruck die verzweifelte Haltung des „Gestürzten” als Mahnung reichte, wählt Hanson 60 Jahre später ein beinahe dokumentarisches Bild, um dem Gräuel Ausdruck zu geben. Bei Marcaccio sind, wieder vier Jahrzehnte später, alle Tabus gefallen. Dabei zielt der Künstler aber sicher nicht bloß auf den Effekt ab, auch wenn es manchmal so aussehen könnte. Eher ist ihm wohl daran gelegen, das Geschehen nach heute geläufiger Art aufzubereiten: Der Künstler kippt in den Ausstellungsraum, was die irrwitzige Medienmaschinerie zusammengequirlt hat.
Parallel zu seiner Ausstellung in Duisburg präsentiert Marcaccio in Haus Esters in Krefeld die Schau "Some USA Stories" mit zwölf eigens für diesen Ort entstandenen Arbeiten.
LehmbruckMuseum | Friedrich-Wilhelm-Str. 40 | 47051 Duisburg
Tel: 0203/ 2833294 | Email: tickets@lehmbruckmuseum.de | Website: http://www.lehmbruckmuseum.de
Öffnungszeiten:
Mi, Fr, Sa: 12:00 - 19:00 Uhr
Do: 12:00 - 21:00 Uhr
So: 11:00 - 19:00 Uhr
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